Mittwoch, 14. Juni 2017

Umdrehungen von Sonja Bethke-Jehle

manche gehen, manche rollen
durchs Leben

Roman, 660 Seiten
Books on demand, März 2017
Genre: Gegenwartsliteratur, Entwicklungsroman, Liebesroman
ISBN:  978-3743194809
Gesamtausgabe der Trilogie und dazugehörenden Kurzgeschichten
hier das Buch bei Amazon

Woher: Rezensionsexemplar der Autorin. Ich denke besonders dafür, dass ich ihr während dem Lesen Fragen stellen durfte und mich mit ihr austauschen konnte.


Der Anfang

Der Anblick ihrer abgebissenen Fingernägel verursachte einen Kloß in seinem Hals.


Zusammenfassung


Ben und Zita sind erst kurze Zeit zusammen als Ben während seines Dienstes als Polizist angeschossen wird. Die Verletzung ist schwer und Ben querschnittsgelähmt. Auf das junge Paar kommen ganz neue Herausforderungen zu.

Es geht auch darum, wie man als Paar zusammenhält und miteinander wächst. Um Beziehung,  um eigene Grenzen und wie man miteinander umgeht. Eine schöne, realistische Liebesgeschiche.




Persönlicher Eindruck


Diese Gesamtausgabe enthält alle drei Bände der Trilogie und bisher noch nicht veröffentliche Kurzgeschichen, die das Leseerlebnis abrunden. Die Autorin gibt im Vorwort zwei mögliche Lesereihenfolgen zur Auswahl (chronologisch nach Entstehung oder nach Handlung), diese Flexibilität hat mir besonders gut gefallen.

Wir begleiten Ben und Zita von der Körperverletzung, die Ben in den Rollstuhl zwingt, über die ersten Monate als Querschnittsgelähmter, neuen Herausforderungen im Zusammenwohnen, Zitas Probleme bei der Berufswahl bis zum gefestigten Alltag zweier starker und sich liebender Persönlichkeiten.


Handlung


Zu Beginn stellt Zita ihren eigenen Bedürfnisse hinter Bens zurück. Ben will die Behinderung zunächst nicht akzeptieren und hat starke Schwierigkeiten damit. Doch langsam pendelt sich das Stimmungsbarometer wieder ein. Sonja Bethke-Jehle gibt uns einen gnadenlos ehrlichen Einblick in die Gefühlswelten der beiden. Ich konnte die Gefühle und Handlungen der beiden gut nachvollziehen und war wirklich überwältigt von dem Blick der Autorin auf das Geschehen.

Wie das Paar dann wieder einen neuen Umgang miteinander lernt und weitere Krisen bewältigt (z.B. das in den Sand gesetzte Studium von Zita), ist authentisch und ehrlich beschrieben. Diese Paarbeziehung fand ich inspirierend. Sie reifen beide, und zwar miteinander. 

Ebenso authentisch beschreibt das Buch die Auswirkungen einer Querschnittlähmung, das es eben nicht nur heißt, dass man nicht mehr laufen kann. Sondern es Auswirkungen auf den ganzen Körper hat. Verspannungen in den Schultern etwa, weil man alles mit den Armen machen muss. Oder Schwierigkeiten beim Urinieren und Sexualleben. Die gewohnten Abläufe funktionieren nicht mehr, man muss mehr aufpassen auf seinen Körper und andere Wege finden.

Manche Themen schieen sich zu wiederholen, ich war hin und wieder irritiert und dachte, dass ich etwas schon gelesen hatte. 

Nachdem das Paar sich an den Rollstuhl gewöhnt hat, nimmt auch das Thema "Kinderkriegen" einen großen Raum im Buch ein, über das sie viel nachdenken und diskutieren (können wir, wollen wir, sollen wir).


Charaktere


Ben und Zita sind sehr unterschiedliche Charaktere. Ben wird beschrieben als aktiver, starker und attraktiver Mann, ein unkomplizierter Kumpeltyp. Er ist Polizist im Außendienst und wegen seiner dunklen Hautfarbe (der Vater war aus Ghana) sehr auffällig. Zita dagegen stammt aus adeligem Haus und wird von Bens Freunden als arrogant, verwöhnt, oberflächlich und eine richtige Zicke angesehen. Sie sind noch nicht lange zusammen, als Ben im Dienst verletzt wird und querschnittsgelähmt ist.

Ben ist verzweifelt ob seiner Verletzung und nicht nur seine Freunde, auch er selbst zweifelt an seiner Freundin. Wird Zita ihn verlassen, wenn klar wird, dass er nie mehr laufen wird? "Ihre Wohnung war perfekt und immer aufgeräumt und Zitas Klamotten waren immer makellos. Ben konnte sich nicht vorstellen, dass ein Rollstuhl in Zitas schönes Leben passte." Wie wird sie mit der Situation klarkommen? Doch Zita wächst an den Herausforderungen.


Sprachstil


Die Sprache ist leicht zu verstehen, das Buch liest sich flüßig. Vor jedem Kapitel steht, aus wessen Sicht gerade erzählt wird: Ben, Zita oder auch Roland, der beste Freund von Ben. Die Kurzgeschichten sind aus der Sicht weiterer Nebencharaktere erzählt, wie z.B. der Mutter von Zita.

So lernen wir sowohl Ben als auch Zita sehr gut kennen und die Kurzgeschichten runden das Leseerlebnis ab. Faszinierend fand ich, wie die beiden sich selbst und den anderen jeweils sehen, die leichten Nuance-Unterschiede zwischen Innen- und Außenwahrnehmung hat die Autorin meisterhaft ausgearbeitet.


emotionale Auswirkung


Das Buch lässt einen beim Lesen atemlos zurück. Wir begleiten beide Protagonisten dabei, wie sie eine wirklich schwere Zeit meistern. Sich an den Rollstuhl zu gewöhnen und die neuen Einschränkungen zu akzeptieren, ist für Ben nicht leicht. Und er ist zu Beginn wütend, unfair, launisch ... und Zita fängt das alles auf, mit einer Freundlichkeit und Beharrlichkeit, die ihr die Umwelt nicht zugetraut hat. Daraus kann man auch viel für sich selber mitnehmen.






Lesen oder nicht?


Die Autorin hat mit Umdrehungen einen großartigen Gegenwartsroman vorgelegt. Er ist sowohl Liebes- als auch Entwicklungsroman und zeigt auf, wie der Mensch mit Schicksalsschlägen (hier: eine Querschnittslähmung) umgeht und im Laufe seiner Entwicklung reift. Ein besonderer Augenmerk liegt auch darauf, wie sich gemeinsame Herausforderungen auf die Partnerschaft und die Kommunikation innerhalb der Partnerschaft auswirkt. Die Protagonisten finden im Lauf der Zeit einen Weg, Streitigkeiten zu minimieren und sich stattdessen ihrer Wertschätzung und Liebe zu versichern.
Der Weg von Ben und Zita ist zwar individuell, dennoch kann man daraus einiges für das eigene Leben mitnehmen. Zudem ist das Buch auch stilistisch gut geschrieben und kann, trotz aller schwierigen Themen, auch unterhalten.
Daher eine Leseempfehlung von mir.


3 Zitate


Obwohl Benny sich scheinbar pausenlos mit seiner Behinderung beschäftigte, konnte er sie dennoch nicht akzeptieren und sich an den Rollstuhl gewöhnen. Es war lediglich ein oberflächliches Beschäftigen, was er Zitas Auffassung nach betrieb. Lieber wäre es Zita gewesen, Benny würde sich wirklich damit beschäftigen, lernen, damit umzugehen, und sich dann wieder anderen Dingen widmen. Erst wenn er akzeptiert hatte, dass er querschnittgelähmt war, konnte er, zumindest nach Zitas Meinung, die von seinen Freunden bestimmt nicht geteilt wurde, damit beginnen, manchmal zu vergessen, dass er querschnittgelähmt war, weil sein Fokus nicht mehr ständig darauf liegen würde. [Pos. 1677]

Doch nun verlagerte sich sein Fokus und weitete sich wieder etwas. Es machte ihn stolz, dass er sich selber wieder als gleichberechtigter Partner von Zita betrachten konnte. [Pos. 3267]

Auf wackligen Beinen lief Luca drei Schritte, plumpste dann aber auf den Po, was ihm mit Sicherheit nicht wehtat, weil sein Hinterteil durch weiche Windeln gut gepolstert war. Tapfer rappelte Luca sich wieder auf, blieb aber stehen und starrte Zita vorwurfsvoll an.
»Willst du nicht zu Benny?«, fragte Zita und lächelte den Kleinen motivierend an.
»Laufen ist doof«, sagte Benny grinsend. »Das sage ich auch immer.« [Zufallszitat, Pos. 10562]



Umdrehungen auf anderen Blogs


diabooks78: Protagonisteninterview
Bücherschloß: [Blog-Tour] Wieviel Realität steckt in der Geschichte von Ben und Zita?
Magic Mirror Books: Rezension zum 2. Teil:  Umdrehungen - Das Leben geht weiter von Sonja Bethke-Jehle




Ich freue mich über jeden Kommentar. Kennt ihr solche Schicksalsschläge? Jedem, der das kennt, wünsche ich ein liebevolles Umfeld, das ihn tragen kann.

Kommentare:

  1. Das Buch hört sich toll an :) Lesen würde ich das gerne vor allem weil mein Hund auch Zita heißt :-)
    Toller Beitrag wieder :)

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    1. Was für ein witziger Zufall, Shelly

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    2. Zita ist ein wunderschöner Name und ich fand, er passt gut zu der Buchzita :) Gruß Sonja :)

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