Sonntag, 21. Mai 2017

Sula von Toni Morrison

Cover von Sula: Ein schwarzes Mädchen blickt uns von unten herauf an
Sula

Roman + Essays, 203 Seiten (Romanteil 159)
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Dezember 1984
Auflage 94.-118.Tausend Januar 1994
Genre: Belletristik, Gegenwartsliteratur
ISBN:  3 499 15470 6
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Woher: Bücherschrank Bulach


Erster Satz

Wo sie die Nachtschattenstauden und das Brombeergestrüpp herausgerissen haben, um Platz zu schaffen für den Golfplatz von Medallion City, dort standen einst Häuser.


Zusammenfassung


Toni Morrison erzählt die Geschichte von Sula in der Kleinstadt Medallion. 1921 ist das kleine schwarze Mädchen 12 Jahre alt. Sie und Nel sind beste Freundinnen. Während Nels Mutter pedantisch ist, wächst Sula in einem chaotischen Haushalt auf, dem ihre Großmutter Eva vorsteht, ein unergründlicher und gewaltiger Charakter. Der erste Teil der Geschichte erzählt von Nels und Sulas Familie, ihrer Mädchenfreundschaft und endet mit Nels Hochzeit gleich nach der Highschool.
Wir überspringen die 10 Jahre, in denen Sula weg von Medallion gewesen ist. Der zweite Teil beginnt mit ihrer Rückkehr (die mit einer Rotkelchenplage zusammenfällt). Durch Sulas Art bringt sie die Gemeinschaft gegen sich auf, die Menschen arbeiten sich an ihr ab. Sogar Nel bricht mit ihr, da sie, eher beiläufig, mit Nels Mann schläft. Der Roman erzählt sogar über Sulas Tod hinaus, welche Sogwirkung Sula auf die Gemeinschaft entfaltet.
Der Anhang im Buch enthält zahlreiche Essays über die Autorin und zwei Interviews mit ihr.



Persönlicher Eindruck


Toni Morrison umkreist Sula und nähert sich ihr aus verschiedenen Perspektiven über verschiedene Personen. Personale Erzählung, Berichte im Ich-Stil und Dialoge wechseln sich ab. Mal erläutert Toni Morrision psychologische Hintergründe, dann wieder beschreibt sie nur oder entwirft mit poetischer Sprache bildhafte Metaphern. Oft wird durch die Bilder, die sie zeichnet, nur ein Gefühl vermittelt. Als Leser musste ich mich auf diese Bilder einlassen, manchmal auch einen Satz oder Abschnitt mehrmals lesen, um ihn wirklich verstehen zu können. Das ist ein typischer Morrison-Stil, ich kenne das aus anderen Büchern von ihr.

All das macht es schwer, Sula wirklich zu verstehen, wir sind seltsamerweise immer auf der Seite derjenigen, die Morrison gerade beschreibt. Das Muttermal über ihrem Auge wird je nach Person als Rose, Fisch oder Klapperschlange interpretiert, und so ist das auch mit ihrem Charakter. Je nachdem, wen man fragt, ist Sula entweder lässig, naiv, nonkonformistisch und unabhängig oder überheblich, unverfroren, böse und gefährlich. Auch nach dem kompletten Buch bin ich mir immer noch nicht schlüssig über Sula, das ist ungewohnt, dass die Autorin selbst ihre Figur nicht völlig erklären möchte.

Sulas Familie, Eva und Hannah, ist herrlich chaotisch und lebensfroh:
"Hannah, Sulas Mutter, ist in ihrer Sexualität selbstsüchtig. Aber sie ist keine selbstsüchtige Person. Es gibt nichts Finsteres an ihr, obwohl sie faul ist." [Autoreninterview, S. 181].
Eva, Sulas Großmutter, "ist eine triumphale Frau, ob mit einem oder zwei Beinen. Sie spielt Gott. Sie verstümmelt Leute. Aber sie sagt alle wirklich wichtigen Dinge im Roman." [Autoreninterview, S. 182].

Die Handlung bezieht sich, typisch Kleinstadt, viel auf das Verhältnis der Bewohner untereinander. Vor allem die Freundschaft zwischen Nel und Sula ist hier wichtig, die wichtigen, die banalen, aber auch die tödlichen Dinge, die sie miteinander teilen. Shadrack, ein gebrochener Kriegsveteran, umrahmt mit seinem Selbstmordtag den Roman und taucht auch an einer wichtigen Stelle innerhalb des Romans auf. Mir hat besonders gefallen, wie gelassen die Kleinstadtbewohner selbst die skurillsten Marotten einfach hinnehmen. Keiner versucht groß, den anderen zu ändern.

Morrisons Roman balanciert immer zwischen Alltag und Besonderem, zwischen Lebendigkeit und Einsamkeit - und vielleicht sind das ja auch gar keine Gegensätze, denkt man so nach dem Roman.

Die Essays vermitteln interessante Sichten auf Toni Morrison und die Charaktere in ihren Romanen. Besonders auch die zwei Interviews mit Toni Morrison haben mir die Autorin nochmal nähergebracht.



Lesen oder nicht?


Die poetische Sprache und die Bilder, die Morrison entwirft, wirken nach, aber dadurch muss sich der Leser den Roman auch erarbeiten; er muss sich darauf einlassen. Trotzdem ist es auch ein leichter Roman. Ich finde, Toni Morrison ist eine Autorin, von der jeder in seinem Leben etwas gelesen haben sollte. [#autorinnenzeit]



3 Zitate


Irgendwann vor Mitte Dezember hatte das Baby, Plum, plötzlich keine Darmbewegung mehr. Eva massierten den Buach und gab ihm warmes Wasser zu trinken. [...] Mrs. Suggs gab ihr Rizinusöl, aber sogar das half nicht. Er brüllte und wehrte sich, so daß sie ihm ohnehin nicht viel einflößen konnten. Er schien große Schmerzen zu haben und seine Schreie waren hoch und schrill vor Empörung und Pein. [Eva beschloß] sein Elend ein für allemal zu beenden. Sie wickelte ihn in Decken, fuhr mit dem Finger über die Dellen und Wände des Schmalzbehälters und stolperte mit dem Baby zum Klohäuschen. Tief in der Dunkelheit und dem gefrierenden Gestank hockte sie sich nieder, drehte das Baby auf ihren Knien um, machte seine Hinterbacken frei und schob ihm das letzte bißen Essen, das sie in der Welt noch hatte (außer drei roten Rüben), in den Hintern. Sie glättete das Hineingesteckte mit Schmalztupfern und sondierte mit dem Mittelfinger, um den Darm zu lockern. Ihr Fingernagel stieß auf etwas, was sich wie ein Kieselstein anfühlte. Sie zog es heraus, und weitere folgten. Plum hörte auf zu brüllen, als die schwarzen harten Kotkugeln auf den gefrorenen Boden prallten. [S. 35]

Als Sula die Tür öffnete, hob sie die Augen und sagte: "Hätte ich mir denken können, daß die Vögel da draußen was bedeuten. Wo ist dein Mantel?" [...]
"Sagst du Leuten nicht hallo, wenn du sie zehn Jahre nicht gesehen hast?"
"Wenn Leute einem sagen, wo sie sind und wann sie kommen, dann können andre Leute sich bereit machen für sie. Wenn sie's einem nicht sagen, wenn sie einfach so reinplatzen, müssen sie nehmen, was sie kriegen." [Zufallszitat, S. 87]

"Immer der gleiche Mist", erwiderte er und berichtete ihnen kurz, wie ein Kunde und der Boss ihn persönlich beleidigt hatten - ein weinerlicher Bericht, der irgendwo zwischen Zorn und einem verhüllten Bedürfnis nach Trost angesiedelt war. Er beendete ihn mit der Bemerkung, ein schwarzer Mann habe sein Päckchen zu tragen in dieser Welt. Er erwartete, daß seine Geschichte in lauwarmes Mitleid getaucht werde, aber bevor Nel es verströmen konnte, sagte Sula, da sei sie anderer Meinung - sie finde, es sei ein ziemlich gutes Leben. [S. 97]





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Ich freue mich über eure Kommentare.

Kommentare:

  1. Liebe Daniela,

    vielen Dank für die Verlinkungen! Ja, Toni Morrison ist nicht ganz leicht zu lesen, aber ich muss sagen, dass mir "Menschenkind" nach der ganzen Zeit, die es nun her ist, doch noch im Kopf herumspukt. Man muss sich damit auseinandersetzen, aber es lohnt sich!
    Liebe Grüße,
    June

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Daniela,

    Vielen Dank für deine Verlinkung. Habe mich sehr gefreut.

    Lg backmausi81

    AntwortenLöschen

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