Samstag, 26. Januar 2019

[Rezension] Der Syrienkrieg - Lösung eines Weltkonflikts von Kristin Helberg

der Syrienkrieg

Viele Geflüchtete aus Syrien sind in Deutschland - und irgendwie sind wir alle auch in Syrien. Immer noch ist dort ein Diktatur an der Macht, der nachweislich sein eigenes Volk bekriegt. Vielfältige Interessen von ausländischen Mächten befeuern den Konflikt. Und innerhalb Syriens haben die Menschen auch unterschiedliche Erfahrungen gemacht, je nachdem, in welchem Gebiet sie leben.

Der Krieg ist nicht zu Ende - er tritt nur in eine neue Phase. Dieses Buch enthält alles, was man wissen muss, um den Konflikt zu verstehen und Vorschläge zu seiner Lösung.

Persönlicher Eindruck


Was zur Henker ist da eigentlich in Syrien los? Warum sagen manche, der Krieg sei vorbei - und warum gehen so viele dann doch nicht zurück? Warum ist Assad immer noch an der Macht, wenn er doch soviel Dreck am Stecken hat?

Schon langem hatte ich das Gefühl, im Syrien-Krieg nicht mehr durchzublicken. Da kam mir das Angebot von monerl, mir das Buch "Der Syrien-Krieg" auszuleihen, gerade Recht.

Ein gebundenes Buch von nicht einmal 300 Seiten, von einer Kennerin des Syrien geschrieben, voller Verstand und voller Verständnis für die Menschen. Ich blicke nun durch und ein Gefühl herrscht nach dem Lesen vor: Desillusion. Und Respekt vor der Autorin, die so viel Wissen hat und die Fakten in Zusammenhänge stellen kann, wo andere vor der Vielzahl der Perspektiven vielleicht nur verzweifeln würden.

Dieser Krieg wurde und wird befeuert von Inkompetenz, Eigennutz und Handlungsschwäche. Die Autorin beschreibt ihn als ersten Krieg der neuen Generation, auf die die Völkergemeinschaft noch keine Antworten gefunden hat. Deshalb sind seine Folgen auch so weitreichend.


Der Reihe nach: Das Buch ist aufgeteilt in fünf große Kapitel, die die Autorin klar benennt und ansagt. (1) Zunächst einmal erläutert sie das Syrien vor dem Krieg. "Das System Assad - wie das syrische Regime bis heute herrscht". Alle Aspekte des Lebens werden von einem omnipräsenten Sicherheitsapparat durchdrungen und kontrolliert. Assad sicherte seine Herrschaft u.a., indem er die Konfessionen im Staat gegeneinander aufhetzte. Das bewährte "Herrsche und Teile"-Prinzip. Bspw. lässt er alawitsche Milizen Massaker an sunnitischen Bürgern begehen und setzt so die Alewiten insgesamt dem Hass der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit aus.
Das, was Assad seinen Feinden unterstellte - Syrien zu spalten und religiöse Gewalt zu entzünden -, tat sein Regime vielmehr selbst. (S. 40)
Das zweite Kapitel (2) beschäftigt sich mit der Frage, wie die Gesellschaft der Syrer zerrüttet wurde und zerfiel. Die Syrer hätten jeden Glauben an politische Prozesse verloren, die Elite des Landes ihre Glaubwürdigkeit eingebüsst. Die meisten Syrer haben nur Abstufungen von Totalitarismus kennengelernt,
eine Bürde für jede zukünftige Neuordnung mit demokratischer Mitbestimmung und Bürgerbeteiligung. [...] Sami Khiyami geht davon aus, dass nur 30 Prozent der Syrer entweder das Regime oder die Opposition aus voller Überzeung unterstützen. (S. 61)
Alle anderen zählen zur großen Gruppe der "Grauen" - sie sind also irgendwo mittendrin.

Aus diesem Kapitel habe ich die Erkenntnis mitgenommen, dass es nicht eine Kriegswahrheit gibt, die für alle Syrer gilt. Vielmehr ist es höchst unterschiedlich, je nachdem, in welchem Gebiet die Syrer leben. Einige haben vier Jahre Terrorherrschaft unter dem IS hinter sich. Manche wurden vom eigenen Regime ausgebombt und vertrieben. Wieder andere haben zivile Selbstverwaltungsstrukturen aufgebaut. Diese unterschiedlichen Schicksale hat die Autorin dargestellt und versucht, so schreibt sie, sie so differenziert wie möglich abzubilden. Andere wurden vom Krieg dagegen kaum tangiert und konnten relativ ungestört leben.

Nun wurde mir auch klar, warum ich so gegensätzliche Stimmen höre. Syrien sei sicher und man könne zurück, hörte ich von den Verwandten eines Bekannten. Im Buch Ich bin das Mädchen aus Aleppo wird dagegen ein furchtbarer Vernichtungskrieg beschrieben. Dazu kamen noch weitere Stimmen, die ich über Bekannte hörte oder aus den Medien. Das so verwirrende wie einfache ist: Sie alle haben Recht. Es kommt eben drauf an, woher sie kommen.

Besonders das Schicksal der Menschen, die jahrelang unter Kontrolle des IS waren, hat mich erschüttert. Mit religiös motivierten Dekreten wie "alle Frauen müssen vollverschleiert sein und die Männer alle die gleiche Frisur haben" fing es an und wurde dann zunehmd absurder. Irgendwann waren auch Reservereifen im Auto verboten (mangelndes Gottvertrauen) und Trillerpfeifen beim Fußball, stattdessen sollte der Schiedsrichter "Allahu akbar" rufen. Folter, Bomben, Willkür und Erniedrigung haben ihre Spuren hinterlassen, die Gesellschaft ist verroht, häusliche Gewalt stark gestiegen.
Im Osten Syriens sind die Menschen aus einem Albtraum erwacht, um die Realität in ihrer ganzen Bitterkeit zu erkennen. Eine geschundene Gesellschaft von versehrten und traumatisierten Menschen wartet auf professionelle Hilfe in Form von Minenräumungsteams und Ärzten, Protesen und Rollstühlen, Physiotherapie und psychologischer Betreuung. Und fühlt sich wieder einmal von der Welt im Stich gelassen. (S. 99)

In Kapitel (3) lernen wir, "Warum die Revolution in Syrien scheiterte"
"Sie sehen uns einfach nicht", sagt der syrische Intellektuelle Yassin al-Haj Saleh über die Linken im Westen. ... Dabei wendet sich al-Haj Saleh gegen jede Form von Diktatur - die des Assad-Regimes und die der Dschihadisten - und vertritt mit dieser Haltung die große Mehrheit der Syrer, die weder das eine noch das andere wollen. Er selbst spricht von Faschischten, denen in Anzug und Krawatte ... und denen mit den langen Bärten ... (S. 114-115)
Um es etwas zu vereinfachen ist das große Probleme hier die große Vielfalt der Opposition und der kämpfenden Truppen. Zweckbündnisse mit Truppen, die die Verbündeten im Ausland nicht wollen; das führt uns dann direkt zu Kapitel (4), das zeigt, wie ausländische Mächte den Konflikt befeuern und Syrien als Spielfeld benutzen.

Dieses Kapitel war vielleicht das, was mich am meisten enttäuscht hat. Vor allem auch das Versagen des Westens, nämlich der USA und Europa, die Assad nicht in seine Schranken gewiesen haben, obwohl er einen Vernichtungsfeldzug gegen Teile seines eigenen Volks führte. "Europa ohne Plan und mit Geflüchteten", fasst Helberg das zusammen. Europa wollte ein demokratisches Syrien, aber war nicht bereit, sich dafür entsprechend einzusetzen. Weder militärisch noch mit genügend finanzieller Unterstützung der Kämpfer und derjenigen Syrer, die versuchten, demokratische und zivilgesellschaftliche Strukturen aufzubauen. Russland hingegen hatte das Wesen der syrischen Führung richtig eingeschätzt und konnte seine Macht im Nahen Osten steigern. Und das zeigt ein weiteres Problem: Vielen Mächten ging und geht es nicht um die Menschen in Syrien, sondern um Einflußgebiete, Machterhalt und so weiter. Auch deshalb konnte ein Assad an der Macht bleiben. Das ist enttäuschend, nicht nur für die Syrer sondern für alle Menschen, die an Menschenrechte glauben.

Folgerichtig klärt Helberg im letzten Kapitel (5) auch, was das nun alles für die Welt an sich bedeute. "Der Syrien-Krieg als Symptom einer neuen Welt-Unordnung". Beim Lesen dieses Kapitels hatte ich Hoffnung und Bauchschmerzen zugleich. Sieben Empfehlungen gibt die Autorin den Mächtigen für den Umgang mit Syrien und analysiert:
Generell fehlen die zu unserer Weltordnung passenden Instrumente. ... Heute werden Konflikte nicht mehr nur mit konventionellen Waffen ... geführt, sondern mithilfe der Medien oder über das Internet, mit Propaganda und Desinformation, mit nationalen Narrativen und Delegitimierung ...
Kein Wunder, dass viele nicht mehr durchblicken und sich ein Gefühl großer Verunsicherung breit macht. (S. 210)


Zu diesem letzten Zitat muss man auch von Syrien weg auf andere Gebiete schauen. Beispielweise auf Brasilien, das mit genau solchen Desinformationskampagnen einen Präsidenten bekam, der nun den Regenwald abholzen möchte - und damit die Lebensgrundlagen eines ganzen Planeten bedroht.

Strategien, die solchen "Verdummungs- und Lügenkampagnen" entgegentreten, könnten tatsächlich entscheidend dafür sein, dass wir unsere Errungenschaften wie Freiheit, Toleranz, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit nicht verlieren.




Lesen oder nicht?


Kirsten Helberg berichtet strukturiert und klar über den Syrienkrieg, seine Anfänge und seine Auswirkungen. Ein Buch, das mir auch zeigte, wieviel ich nicht wusste und wieviel ich bisher nicht verstanden habe. Alles werde ich mir nicht merken können aber ich hoffe und denke, dass ich die wichtigsten Zusammenhänge behalten werde. Da der Syrienkrieg so eine große Auswirkung auf uns alle hat, empfehle ich das Buch jedem, der halbwegs an dieser unseren Gesellschaft interessiert sind. Wobei die Darstellung der Politik und der Zusammenhänge stellenweise wirklich verworben ist; ein wenig Mitdenken muss der geneigte Leser schon.  

⭐⭐⭐⭐⭐


Andere Meinungen

  • Monerl: Kristin Helberg erklärt den Konflikt und die Machtspiele, zu denen man nicht durchdringen kann, wenn man sich nicht genug mit der Materie auskennt. Sie liefert Argumente für Diskussionen, weckt Empathie und den Wunsch zu helfen und Unwissende zu überzeugen. Für mich, das wichtigste Buch des Jahres!
  • Tausendléxi

Besonderheit
Monerl hat das Buch als Wanderbuch eingerichtet. Bei Interesse folgt dem Link zum Blog von Monerl und nehmt mit ihr Kontakt auf!

Bibliographische Daten


Titel: Der Syrienkrieg - Lösung eines Weltkonflikts
Autor: Kristin Helberg
Genre: Sachbuch Nahost-Konflikt

Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
Verlag: Herder
Erscheinungsjahr/Ausgabe: August 2018

ISBN-13: 978-3451381454


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Kommentare:

  1. Liebe Daniela,
    eine sehr ausführliche Rezension zum Buch! Ich freue mich, dass du dich mit dem Thema so intensiv auseinandergesetzt hast! Wir kommen halt nicht umhin, uns damit zu beschäftigen. Das Thema wird uns leider noch eine lange Zeit begleiten, denn eine Lösung ist nicht in Sicht. Der ganze Konflikt und Krieg wirkt sich weltweit aus und es ist wichtig zu wissen, warum das so ist.
    Ich hoffe, dass du mit deiner Rezension noch viele Leser auf das Buch interessiert machen kannst!
    GlG, monerl

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  2. Liebe Daniela

    Solche Bücher sind auf jeden Fall wichtig und gerade für Menschen, die gerne durchblicken und sich auch einmal austauschen möchten, fast unverzichtbar. Ich bin auch schon länger nicht mehr wirklich in der Lage, alles zu verstehen und bin vor allem irritiert von den vielen Politikern, die den Krieg in Syrien und daraus resultierende Auswirkung auf andere Länder für ihre eigenen (Propaganda-)Zwecke missbrauchen.

    Von dem her interessiert mich das Buch wirklich sehr und vielleicht werde ich es mir auch einmal näher ansehen.

    Alles Liebe dir
    Livia

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