Mittwoch, 13. September 2017

[Anthologie #Insekten] (6) Und sie fliegt doch - Eine kurze Geschichte der Hummel von Dave Goulson

Das Cover zeigt 12 Hummeln
12 Hummeln im Gras

Roman, 320 Seiten
List Taschenbuch, Februar 2016
Genre: Sachbuch
ISBN:  978-3548612812
Original: A Sting in the Tale
hier das Buch bei Amazon


Woher: Gelesen im Rahmen der Rezensionsanthologie #Insekten




Erster Satz

Für Hummeln und andere Insekten interessiere ich mich bereits seit meinem siebten Lebensjahr, als meine Familie und ich aus einem kleinen Doppelhaus am zersiedelten Stadtrand Birminghams in das Dörfchen Edgmond in Shropshire zogen.


Zusammenfassung




Dave Goulson ist Wissenschaftler, Hummelforscher und Naturschützer aus Leidenschaft. In diesem populärwissenschaftlichen Sachbuch beschreibt er in 17 Kapiteln Wissenswertes aus der Welt der Hummeln, in leichter Sprache und humorvoll.






Persönlicher Eindruck



Ich wusste vor diesem Buch gar nicht, wieviel ich alles nicht wusste. Die Hummel ist ein faszinierendes Geschöpf und ihr Leben noch nicht vollständig erforscht. Dave Goulson Begeisterung für die Hummel merkt man in jedem Abschnitt des Buches und er schafft es auch, den Leser mit dieser Begeisterung anzustecken. Am liebsten möchte man es ihm gleichtun und auch in Deutschland Hummelwiesen anlegen und einen "Bumblebee Conservation Trust" gründen.

Dave Goulson schreibt in bester angelsächsischer Tradition: Amüsant und anekdotenreich, und gerade deshalb lehrreich. Das Wissen um die Hummeln bringt er nicht trocken rüber, sondern verpackt es in kleinen Geschichten, die genau deshalb einen Aha-Effekt auslösen und lange im Kopf bleiben. Eignet sich wunderbar für Small-Talk oder für lange Monologe, mit denen man beim Gegenüber entweder Bewunderung oder Langweile auslösen kann (z.B. was die Stinkefüße einer Hummel mit der Besuchsfrequenz bei verschiedenen Blumen zu tun hat). Die humorvolle Art von Goulson hat nicht nur einmal dazu geführt, dass ich beim Lesen laut lachen musste - und das bei einem Sachbuch.

Mein Wortschatz wurde um so schöne Worte wie Gipfelbalz erweitert. Ich seh nach Goulds Beschreibung so plastisch vor mir, wie die Drohnen dort gechillt abhängen, in kleinen Grüppchen, ein Bier trinken und auf Damenbesuch warten -  :D

Da Dave Goulson einer der renommiertesten Hummelforscher ist, schreibt er viel über seine eigenen Untersuchungen und Studien, aber auch über die von anderen Leuten und allgemein über das Wissen, dass sich die Wissenschaft über die Hummeln angeeignet hat. Er ist dabei in seiner eigenen Einschätzung eher bescheiden, auch das wohl eine angelsächsische Tradition.

Die Themen gehen dabei von der Lebensweise und Erforschung verschiedener Hummelarten, wie die Hummel nach Neuseeland kam, Temperaturmanagement der Hummeln, Evolution der Hummeln und Bienen, usw.

Da ich bisher noch nichts über Hummeln wusste, hat mich manches doch erstaunt. Z.B. ihre unglaublich hohe Körpertemperatur von 35°Grad; ihr Energieumsatz liegt 75% über dem der Kolibris. Oder das Bienen und Hummeln von den Wespen abstammen, aber im Gegensatz zu diesen eben reine Vegetarier, sprich: Pollen- und Nektarkonsumierer sind. Auch dass z.B. Gurke, Tomaten, Paprika, Bohnen und Auberginen hauptsächlich von Hummeln bestäubt wurden, wusste ich nicht.

Was wir für die Hummeln tun können: Im Garten oder auf dem Balkon Klee und Akelei pflanzen.




Lesen oder nicht?


Empfehlenswert. Amüsant und kurzweilig und mit seinen in sich abgeschlossenen Kapiteln eigentlich das perfekte Sommerbuch.


3 Zitate


Er spießte die Insekten nicht zum Spaß auf, sondern weil er ihre Temperatur messen wollte. Die Temperatur einer Biene zu messen ist ziemlich schwierig, da man weder in ihren Mund noch in ihren After ein herkömmliches Thermometer einführen kann. [S. 63]

Gewissenhaft zählten wir jede einzelne Pflanze an sämtlichen Lupinen-Standorten, die wir in Tasmanien fanden; ich kann mir wesentlich unangenehmere Arten vorstellen, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn Tasmanien ist einer meiner liebsten Orte auf der Welt und ein Paradies für Naturfreunde. [Zufallszitat, S. 129]

Kürzlich hatte ich einen Forscher aus Bangladesch zu Gast, Ruhul Main, der sich ganz besonders für das Balz- und Paarungsverhalten der Hummeln interessierte. Er verbrachte viele schöne Stunden in einem fensterlosen Raum im Basement der Stirling University und beobachtete Dunkle Erdhummeln bei der Paarung. Dabei fand er heraus, dass ältere Männchen im Vergleich zu jüngeren länger brauchen, um sich zum Paarungsakt zu entschließen, dann aber ausdauernder sind. [S. 201]




Querverweise

Dave Goulson schreibt auch über das CCD, das in "Die Geschichte der Bienen" der Anfang des Massensterbens der Bienen ist. Ganz so pessimistisch sieht Goulson die Sache nicht, wenn auch er den Ernst der Lage postuliert. Mit seinem Bumbleebee Conversation Trust fördert Goulson z.B., dass Bauern um ihre Felder wieder Wildblumenstreifen, vorzugsweise mit Klee, anlegen. Auch in "Die Geschichte der Bienen" wird die Monokultur als ein Grund für das Verschwinden der Insekten angeführt. Ein weiterer Grund, den Goulson ausführt ist der Massenversand von Hummeln in alle Welt. Durch ihre nahe Verwandtschaft könnten sie Krankheiten auf die Bienen übertragen.

Goulson erwähnt auch die Birnenplantage in Sechuan, in der schon heute per Hand bestäubt wird, weil wegen der Monokultur die lokale Insektenwelt ausgestorben ist. In "Die Geschichte der Bienen" bestäubt Tao auch in einer großen Birnenplantage, in der es sich um die in Sechuan handeln könnte.

Von seinem Anwesen Chez Nauche, das Goulson am Ende des Buches kauft, berichtet Goulson mehr in Wenn der Nagekäfer zweimal klopft.



Fußnote: Almuth von naturaufdembalkon empfiehlt Blumen für Bestäuber


Almuth betreibt den wunderbaren Blog naturaufdembalkon. Sie schreibt über Natur und Insekten inmitten der Stadt. Ich fragte sie, was man für Insekten, speziell für Bienen und Hummeln, tun kann im eigenen Garten oder dem Balkon. Und sie hat drei tolle Tipps beigesteuert:


Almuth: Aus meiner Erfahrung gibt es verschiedene Möglichkeiten und Schwerpunkte. Ich will hier nur ein paar Beispiele nennen, womit man anfangen kann. Noch mehr Tips findet ihr hier auf meiner Unterseite "Blumen für die Bienen" oder im Blog selbst.

Tip 1: Dauerblüher, bunt und gut

Zwei fantastische Dauerblüher sind die Mauretanischen oder Wilden Malven, sowie die Sonnenbraut (Kokarde). Sie fangen im späten Frühjahr an und blühen beide, mit kleinen Pausen, bis zum Frost. Wer etwas Platz für zwei größere Töpfe hat, empfehle ich die Malven. Dazu vielleicht zwei bis drei kleinere Töpfe Sonnenbraut / Kokarden. Hummeln und Bienen und auch andere Nektar sammelnde Insekten fliegen ganz besonders auf diese Blumen.

Tip 2: Der Kräutergarten

Ihr habt nicht so irre viel Platz, aber einige kleine Töpfe oder ein paar Kästen könnt ihr unterbringen? Prima! Dann könnt ihr für euch, aber insbesondere für die Nektarsammler einen Kräutergarten eröffnen. Mit Schnittlauch gehts los. Der blüht recht früh im Jahr, Weiter gehts mit Salbei, Thymian, (Borretsch), Oregano, Ysop, Basilikum, Minze...
Den Borretsch setze ich hier in Klammern, weil er sehr hoch werden kann. Meist muß man ihn noch anbinden. Er ist eine der Nektarpflanzen schlechthin, weil er pausenlos Nektar produziert! Auch er blüht bis zum Frost und Hummeln und Bienen lieben ihn.

Tip 3: Pflegeleichte Pflanzen

Fetthenne und Lavendel. Beide benötigen nicht so irre viel Wasser. Der Lavendel, wenn er im Topf steht, etwas mehr. Von beiden Pflanzen 2 oder 3 Töpfe, dann lohnt sich der Anflug für die Insekten.


Weitere Tipps findet ihr auf dem Blog von Almuth.

Ich freue mich über eure Kommentare. Hummeln sind niedlich, mit ihrem dichten Pelz, oder?

Kommentare:

  1. Hallo Daniela,
    ich bin ja so im Durchschnitt kein Freund von Insekten. Hummeln allerdings mag ich unglaublich gerne. Ich mag es auch sie dabei zu beobachten, wenn sie ihrer Arbeit an meinem kleinen Blumenbeet nachgehen. Dass sie so eine hohe Körpertemperatur haben, war mir auch neu. Überhaupt weiß ich auch erschreckend wenig über sie.
    Ich kann mir vorstellen, dass es sehr interessant war ein wenig mehr über sie zu erfahren.

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Hallo Tanja,
      dann kann ich dir das Buch nur wirklich ans Herz legen. Ich finde Hummeln auch sehr niedlich, aber zu dem Buch bin ich mehr aus Zufall gekommen; hab es aber nicht bereut!
      Liebe Grüße auch an dich
      Daniela

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  2. Ich liebe Hummeln ! Sie sind so possierlich, in der Regel absolut friedlich, wenn man nicht gerade auf sie tritt - dann ist ein Stich wohl unvermeidlich. Ich beobachte sie gern und ihr Summton an sommerlichen Tagen ist absolut beruhigend :-) Das Buch von Dave Goulson ist mein Favorit. Wie du schon beschrieben hast, ist es eine tolle Mischung aus Humor, Information und Wissenschaft. Ich hab so manches Mal laut gelacht oder staunend die aberwitzigen Informationen zu den Hummeln gelesen. Absolut empfehlenswert und unterhaltsam !!! Und schön wäre, wenn noch mehr Menschen etwas pflanzen würden, was Hummeln, Bienen und Co hilft. Und jeder kann mit ganz einfachen Mitteln etwas dazu beitragen :-)Und wer nichts pflanzen will oder kann, der kann es wenigstens weitererzählen, wie es um unsere Insekten steht !

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    1. Hallo Almuth,
      deine Tipps dazu sind einfach Gold wert!
      Mich hat auch erstaunt, wie wichtig Hummeln für die Natur sind, und andere Wildbienen, und was für ein interessantes Leben sie haben, wieviel noch erforscht werden kann

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  3. Immer wieder ist in den Medien die Rede vom sog. "Bienensterben". Gegenstand der Berichte ist dabei aber leider primär die domestizierte Honigbiene. Welchen wichtigen Beitrag Wildbienen und Hummeln für die Bestäubung leisten, ist vielen Leuten leider gar nicht bewusst. Deswegen hat mir das erste Buch von Dave Goulson auch sehr gut gefallen, weil er darin auf diese Probleme aufmerksam macht und aufzeigt, wie wichtig gerade Hummeln für die Bestäubung z.B. von Tomaten sind. Kritische Worte richtet er nicht nur in Richtung der intensiven Landwirtschaft mit ihren Maiswüsten, sondern auch in Richtung der kommerziellen Imkerei, die mit ihren gut organisierten Bienenvölkern eine Konkurrenz für Solitärbienen und quantitativ weniger gut organisierte Hummeln darstellen. Das hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Zuvor sah ich in Honig immer ein nachhaltiges Naturprodukt. Inzwischen sehe ich das etwas kritischer. Denn wenn immer mehr Feldränder immer weniger Wildpflanzen aufweisen, immer weniger Felder mit Zwischenfrüchten zur Gründüngung bepflanzt und stattdessen immer mehr Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, stellen domestizierte Honigbienen leider ebenfalls einen nicht zu leugnenden Konkurrenzdruck für unsere Wildbienen dar. Goulson schrieb, dass man sich mit solchen Aussagen keine Freunde bei Imkern macht, die ja selbst eigentlich selbst Insektenfreunde sind, aber objektiv betrachtet hat er wohl nicht unrecht.

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    1. Hallo Marco,
      danke für deinen fundierten Beitrag. Das Problem ist, dass wir (in Deutschland) zumindest, alles sehr effizient machen. Wie du schreibst - keine Feldränder mit Wildpflanzen mehr, Düngemittel en masse und so weiter. Ich sehe in Dänemark z.B. viel mehr Schmetterlinge, obwohl es über weite Strecken aus Äcker an Äcker besteht. Aber es hat auch zwischen den Äckern Gehölze, Blühstreifen, Bäume. Es wirkt viel schöner und wird wohl der Grund dafür sein, dass es noch mehr Insekten hat wie bei uns.
      Man muss sich auch mal überlegen, wieviel Menschen man mit der Landwirtschaft ernähren kann und wenn wir da schon drüber liegen, dann sollte die Politik eher Anreize dafür geben, weniger Kinder zu kriegen ...

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    2. Hallo Daniela,

      mein Partner arbeitet im Lebensmitteleinzelhandel und er berichtet mir fast täglich, was dort alles an überschüssigen Lebensmitteln im Müll landet. Hinzu kommen die ganzen Lebensmittel, die aus den Haushalten ungenutzt in den Abfall wandern. Und wenn man dann selbst beim Einkaufen mitbekommt, dass sich Leute kurz vor Ladenschluss darüber aufregen, dass sie kein frisches Brot mehr in der Auslage finden oder dass das Fleisch ein paar Cent teurer geworden ist, fragt man sich echt, wohin das noch führen soll. Irgendjemand zahlt schließlich den Preis für unsere Überflussgesellschaft, die laufend immer mehr zu immer niedrigen Preisen verlangt. Am Ende zahlen wir die Rechnung, sobald all die unscheinbaren Tierchen aus dem Nahrungsnetz verschwunden sind.

      Beste Grüße
      Marco

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    3. Hallo Marco,

      das find ich total traurig. Auch, wenn Fleisch weggeworfen wird, dafür ist ein Tier gestorben. Manches ist wirklich nur pervers und kann so eigentlich nicht weiterführen.

      :(

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  4. Hallo Daniela,
    vielen Dank für die wunderschöne Rezension. Seit "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde suche ich nach weiteren Büchern über Bienen und Hummeln und mit dem Sachbuch hast du mir jetzt ein Buch an die Hand gegeben, dass ich unbedingt als nächstes lesen will.
    Liebe Grüße
    Kerstin

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    1. Hallo Kerstin,
      da bist du hier genau an der richtigen Stelle :) das freut mich wirklich!

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  5. Das negative wie positive an der Berichterstattung zum Bienensterben ist, daß die Biene als domestiziertes Nutztier für viele Menschen greifbarer sind. Somit ist es gut, daß das Bienensterben in den Fokus rückt. Das alle Insekten betroffen sind, sickert ja wohl so langsam durch. Die Bienen haben außerdem den Vorteil, daß sie in schlechten Zeiten vom Imker mitgefüttert werden. Ein Vorteil, den andere Insekten nicht haben. Umso wichtiger für die, daß ihnen ausreichend Nahrung in unserer Umwelt zur Verfügung steht.
    Außerdem problematisch was hier schon angesprochen wurde: die Kommerzialisierung, was nicht nur die Bienen, sondern auch die Hummeln betrift. Darauf geht Dave Goulson ja auch noch ein. Das die Hummeln gezüchtet und an Obst- und Gemüsebauern verkauft werden und hinterher getötet werden sollen, damit sie sich nicht mit den heimischen Hummelarten kreuzen, was in Japan ja bereits passiert ist. Alles nicht schön. Der Mensch ist meist zu sehr auf seinen Nutzen bedacht und vergißt dabei das Tierwohl, auch bei den kleinsten Bestäubern !
    Positiv ist, was er in Großbritannien mit seiner Stiftung schon erreicht hat. Darauf sollten wir gucken und nachmachen :-)
    LG, Almuth

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    1. Hallo Almuth,
      das hat auch der Imker, den ich besucht habe, gesagt, dass die Biene das letzte Insekt sei, das stirbt, weil der Mensch sich um sie kümmert. Aber wir brauchen nicht nur die Honigbiene, sondern auch die anderen Bestäuber und auch andere Insekten.
      Hier noch zur Ergänzung der Link zu Goulsons Bumbleebee Conversation Trust.

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