Samstag, 14. April 2018

[Rezension] Rebellinnen - Leben als Aufstand, herausgegeben von Michaela Adelberger und Maren Lübbke

das Cover zeigt eine nachdenklich blickende Frau
Rebellinnen - Leben als Aufstand
Rebellinnen - Leben als Aufstand,
herausgegeben von Michaela Adelberger und Maren Lübbke
Anthologie, 233 Seiten
Goldmann Verlag, September 1999
ISBN: 3-442-44333-4
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Woher: aus dem Bücherschrank Bad Herrenalb

Erster Satz


"Bekannt ist, daß sogenannte geniale Weiber gewöhnlich wie verkleidete Männer aussehen", stellte der berühmte - und im übrigen bedingungslos rassistische und zutiefst frauenverachtende Arzt Dr. Möbius im 19. Jahrhundert fest und traf damit kurioserweise einen Punkt, der uns an der Arbeit an diesem Buch zunehmen zu interessieren begann.


Zusammenfassung


Elf Autorinnen und Autoren schreiben über das Schicksal von elf beeindruckenden Frauen, deren Leben von Rebellion bestimmt wurde, wie Judith, Théroigne de Méricourt, Jeanne d'Arc, Anne Bonny und Mary Read, Phoolan Devi, Tamara Bunke, Ulrike Meinhof, Calamity Jane, Valerie Solanas und Valie Export. Sie zeigen damit Facetten von Weiblichkeit auf, die in der Gesellschaft eher kritisch gesehen werden.


Persönlicher Eindruck


Dieses Buch hab ich im Bücherschrank Bad Herrenalb entdeckt. 11 Rebellinnen und Frauen, deren Leben durch Rebellionen beeinflußt wurde, werden von 11 Autoren und Autorinnen vorgestellt. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, wie die Gesellschaft diese Rebellinnen gesehen hat. Meistens und größtenteils ziemlich negativ. Rebellinnen sprengen das gesellschaftliche Konstrukt einer Frau. Frauen, die sich nicht gemäß ihrer Rolle verhielten, wurden abgelehnt, geächtet, als geisteskrank erklärt, verfolgt usw. "Die Unterstellung, daß Frauen, die zur Waffe greifen, debil seien, hat System. Denn die Diffamierungen tragen dazu bei, feministische Anliegen zu unterminieren und die Mechanismen der Unterdrückung weiterhin zu festigen" (S. 13 - Vorwort). So verfolgt auch dieses Buch in meinen Augen zwei große Anliegen - die systemischen Mechanismen aufzudecken, die Rebellinnen zu gesellschaftlichen Ausgestossenen macht und den Menschen hinter der Rebellin zu zeigen, ihre wahren Anliegen und Bedürfnisse. Letzteres ist oft schwierig, da wir die historischen Figuren eben oft nur aus Beschreibungen ihrer Zeitgenossen kennen. Einige der Figuren kannte ich persönlich nicht, von daher nahm ich als dritten Baustein mit, diese Frauen kennenzulernen. Im folgenden möchte ich auf einige der Porträts eingehen:


Judith, eine Figur aus einem nicht-kanonischen Abschnitt der Bibel. Sie wird als klug, schön und gottesfürchtig beschrieben. Sie befreite ihr Volk von einem Tyrann, indem sie sich in sein Lager einschleußte und ihn mit ihrer Klugheit so betörte, dass sie allein mit ihm in Zelt war. Dann schlug sie ihm den Kopf ab, schmuggelte diesem aus dem Lager und pflanzte ihn im eigenen Lager auf. Der Feind floh voller Schrecken.
Bemerkenswert scheint hier, dass in der ursprünglichen Fassung vor allem die Intelligenz von Judith im Vordergrund stand. In späteren Bezugnahmen auf Judith wurde sie mehr und mehr zu einer Art Nutte, die ihre Schönheit einsetzte. Mir persönlich scheint auch die Chuzpe bemerkenswert, dem Feind in einer solch intimen Umgebung den Kopf abzuhaken, wenn man das vorher noch nie getan hat.

In der Geschichte um Jeanne d'Arc fehlte mir die Erklärung, wie sie so eine gute Soldatin werden konnte, sogar eine Anführerin, die sicherlich viel über strategische Kriegsplanung wissen musste, dabei war sie ja eine Bauerstochter. Das Porträt konzentrierte sich auf den Aspekt der Jungfräulichkeit. Die Jungfräulichkeit war damals eine sehr überhöhte Sache und von großer Bedeutung. Beispielsweise konnten Jungfrauen nicht vom Teufel besessen werden. Jeanne blieb bewusst Jungfrau, da sie sich nicht den Beschränkungen, die Frauen damals hatten, unterwerfen wollte.
"Mit ihrer Jungfräulichkeit verweigerte sie sich auf selbstbewußte und militante Weise dem allgemeinen weiblichen Schicksal und seinem niedrigen Status, der, damals wie heute, etwas mit Geficktwerden zu tun zu haben scheint (S. 43)." Dieses Geficktwerden als etwas negatives wird oft im Porträt aufgegriffen - "niedriger bürgerlicher Status und Geficktwerden lassen sich nicht voneinander unterscheiden. Sie weigerte sich, gefickt zu werden ...." (S. 43).
Es erschreckte mich, doch bei genauem Nachdenken meine ich, dass das auch heute noch, wenn auch abgeschwächt, so ist. Männer, die sich die Hörner abstoßen vs. Schlampen. "Gefickt sein" ist noch ein immer ein Synonym für "jmd. stößt etwas nicht so schönes zu".
Aber ganz ehrlich, was soll das? Warum spielt es so eine Rolle ob eine Frau in einem Körperteil, der auch genau dafür geschaffen ist, einen Penis hatte oder nicht? Das ist Biologie, es ist ganz natürlich. Wenn wir das schon religiös betrachten (und die meisten Religionen wollen den Sex regulieren oder die Deutungshoheit darüber haben), dann kann man es auch so sehen, dass Gott den Menschen eben genau mit ihren Geschlechtsmerkmalen schuf. Nur wenn die Frauen diese nutzen, dann ist das schlecht? Was für ein Schwachsinn.
Dieser Abschnitt um Jeanne d'Arc führte also dazu, dass ich mir viele Gedanken machte über den Status von Jungfrauen und "gefickten" Frauen.

Das nächste Porträt, dass mich bewegt hat, war das von den Piratinnen Anne Bonny und Mary Read. Die Geschichte klingt so komplett abenteuerlich, wie beide auf diesem Schiff voller homosexueller Charaktere als Piratinnen leben und komplett ihr Ding durchziehen.
Anne hatte einen kurzen Geduldsfaden, schoß einem Mann, der sich ihr in den Weg stellte, schon mal kurzerhand das Ohr ab. Sie heiratete James Bonny, und schickte ihn weg, "er hat ausgedient". Doch als alleinstehende Frau im 17. Jahrhundert war man nichts. "Frauen konnten keine Geschäfte abschließen oder eigenen Besitz erwerben. Sie waren das Eigentum ihrer Ehemänner, die sie beliebig kaufen, verkaufen oder töten konnten. Gehörte eine Frau keinem Mann, dann gehörte sie allen Männern" (S. 87). Anne tat sich zum Schutz mit Calico Jack zusammen, der Geliebter eines Käptn war. Sie hatten sogar ein Kind zusammen.
Überhaupt war die Mannschaft sehr queer, da war z.B. noch der Friseur und Schneider Pierre Vane, der als Pierre, der schwule Pirat, bekannt war. Und schließlich kommt noch Mary hinzu, die von ihrer Mutter aus Erbrechtsgründen als Kind als Junge verkleidet wurde (und in dieser Rolle "zu gut" war), dann als Erwachsene lebte sie abwechselnd als Frau oder als Mann, wie es grad paßte. Sie wurde die Geliebte von Anne.
Liest sich alles total abenteuerlich und wie ein Roman, dabei war es die Wirklichkeit!

Tamara Bunke ist eine Rebellin, die wohl in der DDR sehr bekannt gewesen ist. Ich hatte bis dato noch nichts von ihr gehört und fand ihren Lebensweg sehr spannend. Sie war eine sehr gute Agentin unter Che Guevera. Mich hat besonders berührt, als sie während ihrer Ausbildung, als sie sich weitere Identitäten zu eigen machen musste, verkleidet und unter falschen Namen vor ihrem Elternhaus stand, ohne reinzugehen. Sie hat die Rebellion über ihre Eltern gestellt - für mich wäre das undenkbar.

Bei Phoolan Devi hat mich der Aspekt bewegt, wieviel und was die Menschen in sie hineinprojezierten. Devi war vom Leben ungerecht behandelt worden, vom indischen Kastensystem, von einigen Männern, früh verheiratet und verstoßen, vergewaltigt und hinausgetrieben aus der Dorfgemeinschaft in das Banditendasein. Sie rächte sich an ihren Vergewaltigern, mit 40 Mann drang sie in das Dorf ein und richtete die Männern hin. Die indische Gesellschaft hatte Sympathie für Phoolan, "es herrschte das Gefühl, daß wie weniger eine Mörderin war als eine Frau, die für ihre Rechte gekämpft hatte" (S. 171). Zeitungen zeichneten das Bild einer Rachegöttin, schön und stark wurde Phoolan da dargestellt. Bei ihrer Kapitulation war die Öffentlichkeit enttäuscht von ihrer schmächtigen Statur, ihrem gewöhnlichen Aussehen, ihrer abweisenden Art und ihrer derben Sprache, sie entsprach nicht dem Bild der Banditenschönheit. "Es gibt eine so tief sitzende Faszination für die Schönheit der Frau in unserer Kultur, daß alle anderen Attribute dagegen gleichgültig zu sein scheinen" (S. 173).
Tatsächlich zeigen ja Studien, dass schöne Menschen deutlich positiver behandelt werden in allen Aspekten. Wie die Öffentlichkeit auf Phoolan reagierte, zeigt sehr gut, dass auch Terror und Mord vergeben wird, wenn die Täterin schön ist oder wie eine Art Robin Hood handelte (was sie nicht hat, dafür war sie selbst zu arm).

Abschließend wird die Künstlerin VALIE EXPORT porträtiert, die sich vor allem in den 60er Jahren durch feministische Körperperformances hervortut und so der Gesellschaft den Spiegel vorhält, bspw. ließ sie sich 1970 einen Strumpfbandhalter auf den Oberschenkel tätowieren "und verwies damit nachhaltig auf den stigmatisierten weiblichen Körper, in den sich herabwürdigende Symbole und Zeichen eingeschrieben bzw.- eingebrannt haben." (S. 208). Ein Gerichtsurteil wegen Pornographie nahm ihr die Tochter, doch die Künstlerin machte weiter. Körperperformances sind sicherlich die extremste Form einer "künstlerischen Rebellion", die mich persönlich sowohl erschreckt doch die ich auch bewundere.

Das Buch schließt ab mit den Lebensläufen der elf Frauen, ideal zum Nachschlagen.



Für mich persönlich waren die Porträts sehr inspirierend. Sie zeigen Frauen, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Auch wennn der Teil mit der Gewalttätigkeit nicht erstrebenswert ist, weder für Frauen noch für Männer. Hier haben wir Frauen, die aus den verschiedenen Motiven heraus kämpfen, auch wenn das die Gesellschaft um sie herum schon deshalb erschreckt, weil sie Frauen sind. Obwohl ich gerne hätte, dass die Menschheit nicht gewältig ist, weiß ich doch auch, dass es ein frommer Wunsch ist. Und, Gewalt hin oder her, es ist immer interessant, über Frauen zu lesen, die aus der gängigen Geschlechterrolle ausbrechen, es fügt unserem Bild über Frauen eben eine weitere Facette hinzu. Und diese Facette zu beleuchten, ist dem Buch gut gelungen.


Lesen oder nicht?


Duldsam muss die Frau sein, in ihr Schicksal ergeben. Frauen, die sich wehren, die vielleicht sogar zur Waffe greifen, das paßt nicht zu dem Bild einer Frau. Die Porträts der elf Frauen sind hochinteressant, sie zeigen zwar atypische Lebensläufe von Frauen, die aber genau wegen dieser Vorstellung der "Frau an sich" atypisch sind und es deshalb nicht nur etwas über die elf Frauen erzählen, sondern auch etwas über die systemische Unterdrückung und Geringschätzung von Frauen. Eine spannende und erhellende Lektüre, die ich sehr empfehlen kann

Gesamtbewertung: 🌞🌞🌞🌞



3 Zitate


Da sagte Judith zu ihnen: "Hört mich an! Ich will eine Tag vollbringen, von der man noch in fernsten Zeiten den Kindern unseres Volkes erzählen wird." [Zufallszitat, S. 25, über Judith]

Diejenige, die über sie urteilen sollen, sind überrascht, statt einer berüchtigten Furie und Terroristin eine kluge, kultivierte Frau vor sich zu haben. [S. 72, über Théroigne de Méricourt]

Woher sie die Kraft und Ausdauer hatte, wie sie es schaffte, nach dem Mord ihres engsten Freundes, nach den brutalen Vergewaltigungen, sich im Dschungel der Banditen für einen Rückschlag aufzuraffen, das scheint schier unfaßbar - ihre maßlose Erniedrigung als Frau hatte einen ebenso maßlosen Rachedurst in ihr erweckt und all ihre Überlebensinstinkte wachgerufen. [S. 162, über Phoolan Devi]



Weitere Meinungen


  • - to do, noch keine gefunden - 

Gerne schicke ich das Buch an interessierte Buchblogger - männlich wie weiblich - zu und verlinke danach auch gern eure Rezension.

Und nun lade ich euch ein zu einer Diskussion über das Buch und zu rebellischen Frauen und dem Frauenbild allgemein.

Kommentare:

  1. Liebe Daniela,

    ich habe ja, nachdem Du von dem Buch erzählt hast, ein Buch rausgekramt, was ich schon seit 20 Jahren habe, aber immer noch nicht gelesen. "Wahnsinns Frauen" https://www.amazon.de/Wahnsinns-Frauen-Luise-F-Pusch/dp/3518383760/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1523785674&sr=8-1&keywords=Wahnsinns+Frauen. Da geht es auch um Frauenbiographien.

    Ich habe mich früher eine Weile intensiv mit Piraten beschäftigt und damals auch von Anne Bonny und Mary Read gehört. Über die wollte ich immer mal mehr lesen. Pirat sein, war auf jeden Fall ein harter Job. So wurden neue "Mitglieder" am Äquator "Kiel geholt". D.h. sie wurden an einem Seil unter dem Schiffsrumpf durchgezogen. Und der Schiffsrumpf ist natürlich voller scharfer Muscheln.

    Für mich hat das Wort "gefickt werden" oft (nicht immer) etwas mit Gewalt zu tun. "Die fick ich mal ordentlich durch" bzw "die muss nur mal ordentlich durchgefickt werden" bedeutet ja oft: Danach ist die Frau wieder bei Verstand.
    Für mich steht das "gefickt werden" für etwas Passives auf seite der Frau.
    Das mit Jeanne d'Arc verstehe ich so, dadurch dass sie sich der Sexualität verweigert, bestimmt sie selbst ihre Sexualität. Gerade zu der Zeit war es ja sicher nochmal seltener, dass in einer Ehe die Sexualität gleichberechtigt war. Der Mann hat Lust, als muss die Frau bereit sein.

    Ich versteh nur nicht so ganz, warum die Autorinnen das Wort so oft in Bezug auf Jeanne d'Arc benutzt haben? Muss man das wiederholt so drastisch ausdrücken?

    Ich habe ja nun das Buch "Berichte aus Syrien" angefangen, da geht es gleich im ersten Kapitel um Vergewaltigung als Kriegswaffe und Foltermethode. So unsagbar schrecklich. Ich hätte nach dem Kapitel echt kotzen können. 😢
    Es ist so bitter.

    Liebe Grüße und einen sonningen Sonntag
    Petrissa

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    Antworten
    1. Hi Petrissa,
      ich hab mir "Wahnsinnsfrauen" mal auf Amazon angeschaut, es geht schon so in die ähnliche Richtung.

      Das Piratenleben hat mich bisher gar nicht so interessiert, aber diese beiden Frauen und ihre Mannschaft ham was interessantes.

      Ja, Jeannne d'Arc hat sich einer Rolle als verheiratete - und damit gefickte Frau - verweigert. Die Jungfräulichkeit wurde stark überhöht, krass fand ich ja die Aussagen, dass der Teufel eine Jungfrau nicht in seine Gewalt bringen kann.

      Das ist das Problem mit Rollenbildern generell, sie werden dem einzelnen Menschen nicht immer gerecht. Das gilt für Frauen wie für Männer.

      Mir war auch nicht klar, warum die Autorin so oft auf dem Wort "gefickt" herumgeritten ist. Immerhin, ihren Standpunkt hat sie dammit sehr klar gemacht.

      Ja, Vergewaltigung als Kriegswaffe gegen die Gesellschaft, es ist einfach nur traurig.

      Heute konnt ich endlich wieder raus, mir gehts soweit ganz gut!
      Liebste Grüße
      Daniela

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