Freitag, 6. April 2018

[#WritingFriday] Erster, verstörender, Arbeitstag im Krankenhaus

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Harte Liebe

Du hast gerade deinen ersten Arbeitstag als Assistenzarzt im Krankenhaus. Beschreibe einer Freundin ein besonders verstörendes Erlebnis.


Else, ich bin jetzt auf dem Weg heim. Ja, jetzt erst. Ich bin völlig fertig. Emotional völlig ausgelaugt. Vielleicht schul ich ja um und werde auch Floristin, haha.

Nein, eigentlich ist mir nicht zum Lachen zumut, ich frag mich schon, was ich hier mach.

Also, da war dieses Paar, die standen schon so schlurfig an der Anmeldung. Er mit fleckigem weißem Hemd, fettigen langen Haaren, graue Jogginghose, so ganz klischeehaft. Darüber aber eine hellbraune, teure Lederjacke, goldenes Armband. Sie in einem kurzem roten Rock, hellblaues, nicht passendes Oberteil. Die Nase schief, Blutflecke darauf und ein Pflaster. Eine Mundseite eingefallen, die Zähne fehlen. Sie sah abgehärmt aus und gleichzeitig zickig, sicherlich war sie auch noch gar nicht so alt, wie sie aussah.

Zunächst dachte ich, wir sollten uns um die Nase kümmern. "Ach, das, nein, das is alt", nuschelte sie und das es um das Kind geht. Das Kind steckte beim Mann unter der Lederjacke, ein kleines Ding mit dürren Steckenbeinen. Hätte sich erbrochen, sagten sie und jetzt schliefe es die ganze Zeit.

Schliefe! Du meine Güte. Bewusstlos war es und hat nur ganz flach geatmet. Wir die komplette Palette abgezogen, Beatmung, Diagnostik. Und er erstmal eine rauchen. Sie nur hin und her getigert und irgendwas geredet. Ich hab sie gefragt, ob sie das Kind geschüttelt hat. Nein, das sei plötzlich so gewesen. Sie hätten gar nichts gemacht. Aber das war ein Schütteltrauma, sagt auch mein Chef. Das Kind wird überleben, aber es ist noch nicht klar, was es vielleicht zurückbehält - Epilepsie, Blindheit, geistige Behinderungen. Als wir gesagt haben, dass wir es erstmal hierbehalten müssen, haben die Eltern einfach gesagt "Ach so" und sind dann davongeschlurft.

Ich bin Ärztin geworden, um Leben zu retten, aber mich macht es wütend, wie respektlos manche Menschen mit ihren Kindern umgehen. Und dann muss ich an mein Kind denken, an Bobby, so habe ich es für mich genannt, mein Bobby, für den ich alles getan hätte und es nicht konnte, Bobby, der in meinem Körper starb - und dann sehe ich diese Eltern an und ich bin wütend und traurig zur gleichen Zeit. Ich weiß, wenn ich professionell sein will, ein guter Assistenzarzt, dann muss ich damit wohl irgendwie klarkommen. Aber heute sehe ich nicht, wie...

Nein, das war kein guter Tag und vielleicht sollte ich tatsächlich Floristin -

Lass dich mal umarmen, du Liebe.



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Über den #WritingFriday:  Elizzy von Readbooksandfallinlove hat ihn ins Leben gerufen, um das kreative Schreiben zu fördern. Jeden Monat gibt es verschiedene Themen, aus denen man wählen kann. Eine Geschichte, ein paar Zeilen, ein Gedicht, ausgedacht oder selbst erlebt -  alles ist möglich.

Die Themen für den April:
  • Du hast gerade deinen ersten Arbeitstag als Assistenzarzt im Krankenhaus. Beschreibe einer Freundin ein besonders verstörendes Erlebnis.
  • Bei einem grossen Familienfest erfährst du, dass deine Grosseltern bereits seit vielen Jahren in einer offenen Beziehung leben. Schreib die Szene auf, die sich nach diesem Geständnis ergibt.
  • Verfasse einen Dankesbrief an den Erfinder von Zahnpasta.
  • Eine Frau verwählt sich und landet bei einem fremden Mann. Unerwartet beenden sie das Gespräch aber mit einer Verabredung. Schreibe das Telefonat dazu auf.
  • Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz; „Damit hatte Lukas nicht gerechnet, als er sah wie…“ beginnt.

Kommentare:

  1. Ach das ist aber wirklich traurig. Und ich möchte nicht wissen, wie oft es Kindern wirklich so ergeht. Regt zum Nachdenken an. Sehr schön geschrieben.

    Liebe Grüße
    Suse

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  2. Oh Mann - ich möchte nicht wissen, wie oft das tatsächlich passiert. Das arme Würmchen. Und die armen Ärzte und Schwestern, die so was erleben müssen. Sehr emotional geschrieben.

    Liebe Grüsse

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    1. Hi Lucy,
      tatsächlich ist diese Geschichte zwar nicht genauso passiert, aber leider wirklichkeitsnah nach einigen Berichten von Verwandten und Freunden...

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  3. Liebe Daniela,

    da hast du ein ganz wichtiges und schmerzhaftes Thema gewählt! Leider, leider passiert das öfters als man sich vorstellen kann und mag. Früher konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie Eltern so etas tun können. Heute, als zweifache Mama weiß ich, wie schlimm es einem gehen kann als Mutter und / oder Vater, wie schlimm man am Ende seiner Nerven stehen kann und dann passieren solche Sachen. Es ist keine Entschuldigung aber es gibt sie, diese Momente, in denen man all seine letzte Kraft zusammennehmen und seine Gedanken aufs Kind richten muss und es ist das Schwierigste, das man je gemacht hat.
    In solchen Fällen leide ich immer mit den Kindern und den Eltern.

    Ach, man mag gar nicht intensiver darüber nachdenken. Was ein Thema... Ich könnte nie ein Arzt sein, obwohl das so ein wichtiger Beruf ist. Aber das ist wohl eher eine Berufung, der man folgt.

    GlG, monerl

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    1. Hi monerl,
      ja, ich glaube, gerade dieses Schütteln, dass es oft aus Überforderung passiert. Und dann auch jene Familien, von denen mir berichtet wurde; kinderreiche Familien, viel Stress, prekäre Verhältnisse, ein Vater, der ganz offensichtlich auch die Frau schlägt... und Kinder, die schwermehrfachgeschädigt aus solchen Familien abgegeben werden... ich hätte es mir leider nicht so ausdenken können und ich könnte selber nicht in einem sozialen oder pflegerischen Beruf arbeiten.

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  4. Hallo, eine sehr tragische Geschichte! Ich hoffe dass solche Fälle nur sehr selten sind so etwas wünscht man keinem Kind und manche haben echt keines verdient!

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    1. Hallo Elizzy - ja, das hoffe ich allerdings auch; und genau das hab ich mir auch schon gedacht... und wollte ich hier auch gegenüberstellen mit der Ärztin, die selbst ungewollt ein Kind verloren hat

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  5. Liebe Daniela,

    puh, wie heftig. Und wie gut geschrieben!
    Ich kann gar nicht mehr zu schreiben. :(

    Sei mir lieb gegrüßt
    Petrissa

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    1. Hi Petrissa,

      ich danke dir, dass du dennoch deine Eindrücke geschrieben hast :)

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