Freitag, 13. April 2018

[#WritingFriday] Von Rennschnecken und schwangeren Gläubigen

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Von Rennschnecken und schwangeren Gläubigen


Damit hatte Lukas nicht gerechnet, als er sah, wie ...


Damit hatte Lukas nicht gerechnet, als er sah, wie seine Rennschnecke Elfi von Nicolas' Superknark überholt wurde. Elfi lag, wie erwartet, die ganze Zeit vorne, doch dann kam Superknark, holte langsam, aber unerbittlich auf und kroch schließlich an Elfi vorbei. Fast schon verwundert neigte Elfi seine Fühler nach links und schien Superknark anzusehen, doch dieser kroch ungerührt weiter, dem Ziel näher kommend.

Was hatte Lukas nicht alles in Elfi investiert. Es war das Ergebnis zahlreicher Züchtungen, die Champions der letzten Saisons hatte Lukas gekreuzt. Doch nicht nur auf die reinen Gewinne kam es ihm dabei an, er achtete auch auf Faktoren wie geradliniege Kriechspur, konstante Schleimerzeugung und einen kompakten Körperbau, der es seinen Rennschnecken ermöglichte, besonders effizient vorwärtszurutschen.



Die Entwicklung der Eier überwachte Lukas in eigens dafür optimierten Terrarieren, mit computerüberwachter und somit optimaler Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Genauso gab es eine optimierte Umgebung, in der die Schnecken aus ihren Eiern schlüpften und für die ersten Tage und Wochen, während deren die Schnecken heranwuchsen.

Schon da testete Lukas seine Schnecken. Manche brachten es einfach nicht, ihnen fehlte der Siegeswille, wie Lukas das nannte. Doch Elfi hatte einfach alles, es war die ideale Rennschnecke, ein absoluter Champion.
Jeden Tag nach der Arbeit kümmerte sich Lukas um Elfi, trainierte ihn, kümmerte sich, und - ja - Elfi wuchs ihm auch ans Herz. Seine Trainingszeiten waren hervorragend, es war völlig ausgeschlossen, dass Nicolas' Superknark ihn überholte.

Ausgerechnet Nicolas, dieser pickelige Teeny, der seine Schnecken völlig laienhaft in seinem Kinderzimmer hielt. Und "Superknark", was war das überhaupt für ein völlig bescheuerter Name.
Da kroch besagter Superknark aber auch schon über die Ziellinie. Lukas biss die Zähne zusammen, trotz der Enttäuschung. Ihm würde niemand nachsagen, ein schlechter Verlierer zu sein. "Klasse, Knarki!", schrie Nicolas. "Meinen Glückwunsch", sagte Lukas, in etwas zu hoher Stimmlage und schüttelte Nicolas die Hand. Etwas zu grob packte Lukas Elfi in die Transportbox, was ihm aber gleich wieder leid tat.

Der Ausrichter des Events überreichte Nicolas die 8.000 Euro Prämie. Ein großer Sieg und viel Geld für den 15-jährigen. Der zweite Platz war immerhin noch mit 3.000 Euro prämiert. Elfi war klasse gewesen, ja, doch "Knarki" war besser gewesen, zumindest heute.

"Hey, Nicolas", sagte Lukas plötzlich, "Interesse an einer intimen Begegnung von Elfi und Knarki?"
"Ja, aber immer doch. Knarki ist bestes Material, ich habe es gezüchtet indem ich ..." und lang und breit erklärte er Superknarks Linien. Lukas horchte auf. Er hatte sich geirrt, Nicolas wusste, wovon er sprach - und er sprach Lukas' Sprache.

Ja, eine Kreuzung von Elfi und Knarki, das wäre sehr interessant, so fanden einige Zeit später beide. Und dass die Nachkommen vermutlich die Rennschneckenszene in ganz Europa aufmöbeln würden. Eine Kooperation, so stimmten beide überein, war eine ganz famose Sache.

Aber nun musste Lukas heim, seine Frau Marlene wartete schon auf ihn. Diese empfing ihn mit einem seltsamen Lächeln. "Warte kurz", sagte sie und verschwand im Badezimmer. "Komisch", wunderte sich Lukas und setzte Elfi zurück in ihr Terrarium.
"Kommst du mal?" rief Marlene und Lukas ging zu ihr ins Badezimmer.
"Ich bin nämlich überfällig", grinste Marlene und hielt ihm einem Schwangerschaftstest hin.

Damit hatte Lukas nicht gerechnet, als er sah, wie sich die zweite Linie auf dem Schwangerschaftstests langsam verfärbte. "Wir sind schwanger", sagte Marlene ungläubig und ungläubig starrte auch Lukas auf den Streifen.

"Es ist ein Wunder", sagte Marlene ehrfürchtig, "ich werde gleich eine Kerze anzünden und Gott danken. Er hat meine Gebete erhört, nach fünf Jahren des Wartens hat er meine Gebete erhört, es ist ein Wunder." Sie umarmte Lukas glückselig und küsste ihn. Wie automatisiert küsste Lukas sie zurück. Er hörte ihre Schritte, wie sie ins Wohnzimmer ging, er hörte sie die Kerze anzünden und wie sie began, zu beten.

Ihre Religiosität tolerierte er zwar, aber es nervte ihn auch ein bisschen. Gläubige, das waren für ihn eigentlich nur Idioten, die an etwas glaubten, das es gar nicht gab, das niemand beweisen konnte. Nein, er war promovierter Chemiker und für ihn zählte nur die Naturwissenschaft.
Und was die Baby-Sache anging... wie betäubt starrte Lukas auf den Test. Er hatte Marlene nie erzählt, dass er sich als junger Mann hatte sterilisieren lassen. Er wollte keine Kinder, wollte das Elend dieser Welt nicht noch vergrößern. Als er Marlene kennenlernte und sie sich verliebten, kam das Thema nie zur Sprache. Als klar wurde, wie sehr für Marlene Kinder zu ihrer Zukunftsplanung dazugehörten, da hätte Lukas das Thema Sterilisation anbringen sollen. Aber er hatte es nie, er war zu feige gewesen. Er dachte, wenn sie es probieren würden, und es würde nicht klappen, denn es konnte einfach nicht klappen, dann würde Marlene ihren Wunsch begraben, denn schließlich wäre es ja Gottes Wille. Ganz schlau war er sich vorgekommen. Doch sein schlechtes Gewissen, das sich jedes Mal meldete, wenn bei Marlene wieder die Periode einsetzte und sie tapfer die Zähne zusammenbiss, war größer und größer geworden. Aber wie hätte er so eine Lebenslüge nach acht Jahren Partnerschaft und fünf Jahren "Baby-Üben" auflösen können, selbst seiner Marlene gegenüber, die als überzeugte Christin Vergebung praktizierte.

Und nun war sie schwanger ... Aber, das konnte ja nicht sein, es konnte nicht von ihm sein. Aber Marlene würde nie fremdgehen, das ging gegen ihren Glauben, jede Frau, ja, aber nicht Marlene.
Also doch ein Wunder? Behutsam legte Lukas den Schwangerschaftstests in das Badregal und atmete tief durch. Wenn es einen Zeitpunkt gab, Marlene die Wahrheit zu sagen und um Verzeihung zu bitten, dann war dieser Zeitpunkt jetzt gekommen. Sei ein Mann, dachte er sich, straffte die Schultern und ging zu seiner Frau ins Wohnzimmer.

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Über den #WritingFriday:  Elizzy von Readbooksandfallinlove hat ihn ins Leben gerufen, um das kreative Schreiben zu fördern. Jeden Monat gibt es verschiedene Themen, aus denen man wählen kann. Eine Geschichte, ein paar Zeilen, ein Gedicht, ausgedacht oder selbst erlebt -  alles ist möglich.

Die Themen für den April:

Kommentare:

  1. Hallo Daniela!
    Oh wie schön, eine Geschichte in einer Geschichte! Auch wenn mir der Schneckenteil einen Tick besser gefalleb hat, find ich die Verwebung wirklich gelungen. Wie wird Marlene wohl reagiereb? :o

    Liebste Grüße!
    Gabriela vom Buchperlenblog

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    1. Hallo Gabriela,
      ja, ich weiß auch nicht, das mit den Rennschnecken hatte ich schon lange und als ich die Geschichte abgeschlossen hatte und Lukas heimging, drängte sich auf einmal Marlene in die Geschichte rein und es gab eine ungeplante Fortsetzung :D. Jetzt weiß ich, was Autoren meinen, wenn sie sagen, dass ihre Geschichte oder die Protagonisten ein Eigenleben haben.
      LG,
      Daniela

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  2. Toll was du aus diesem Satz gemacht hast! Damit hätte ich nicht gerechnet und finde es grossartig!

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  3. Ha - wie cool Rennschnecken. Was für eine aussergewöhnliche Idee. Total klasse. Ich kenne das mit dem Eigenleben - daraus werden dann meistens Fortsetzungen - und auf diese bin ich echt gespannt. Wie wird er es erklären und wie Marlene. Sehr aufregend.
    Liebe Grüsse

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    1. Hallo Tar lucy,
      mal sehen, ob ich inspiriert werde zu einer Fortsetzung. Ein wenig seh ich schon, wie es weitergeht, aber - mal sehen :)
      Ich hab übrigens keine Ahnung, ob es tatsächlich Rennschnecken und Schneckenrennen gibt, aber wundern würde es mich nicht ;)

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  4. Also das nenne ich mal eine kreative Umsetzung! :) Als ich den Titel gelesen hatte, dachte ich mir schon, dass das interessant werden könnte :D Obwohl ich mir Lukas zugegebenermaßen auch als 15-Jährigen vorgestellt hatte - bis die Rede von seiner Frau war. :D Liegt wohl an diesem Schneckenspiel, das wir als Kinder hatten. ;) Hach ja, Synapsen... xD Eine sehr gelungene Geschichte - und die zwei Teile der Geschichte sind wirklich gut miteinander verknüpft.

    Liebste Grüße,
    Ida von Idasbookshelf

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    1. Hi Ida,
      hihi, nein, ich hab es für Lukas bewusst als ernsthaftes Hobby angelegt. Stimmt, da gibt es so ein Kinderspiel mit Schnecken, das gab es im Kindergarten!
      Freut mich, dass dir die Geschichte und der Übergang so gut gefallen hat

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  5. Huhu Daniela,
    die Geschichte mit der Schnecke fand ich richtig süß. Der Cliffhanger hingegen war ja schon sehr fies. Ich wüsste jetzt doch schon gerne, wie Marlene auf die Nachricht reagiert. Ich ahne Schlimmes ...

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Ach herrjeh, ihr drängt mich ja richtig zu einer Fortsetzung :D
      Ich wollt es eigentlich der Phantasie des Lesers überlassen. Denn es ist ja in der Tat sehr interessant und noch völlig offen, wie Marlene reagieren wird!

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  6. Auch eine tolle Umsetzung von Dir liebe Daniela. Ich buin echt froh den Writing Friday entdeckt zu haben und jetzt Eure Geschichten lesen zu dürfen.

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    1. Dem kann ich nichts hinzufügen! Ich danke dir für deinen Besuch hier.

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  7. Es sollte unbedingt verboten werden, solche Kurzgeschichten zu schreiben, die so einen fiesen Cliffhänger haben und nicht geplant sind, fortgesetzt zu werden! Bei Kaisu geht´s mir ja auch so... Wenn ihr so weiter macht, werde ich diese Art von kreativen Geschichten nicht mehr lesen! SO! Das habt ihr nun davon! :-P

    Lustige Idee auf jeden Fall und auch ich dachte, dass Lukas ein Junge wäre und kein Mann. Ich finde die Schnecken mit Haus total schön und interessant. Wie Rennschnecken aussehen, muss ich mir noch überlegen, oder gibt es die wirklich? Hihi

    GlG, monerl

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    1. :D
      Vielleicht kommt ja was, mal sehen :D, aber geplant war es definitiv nicht :D

      Rennschnecken scheint es tatsächlich zu geben, sind wohl Süßwasserschnecken. Und auch Schneckenrennen gibt es. Ich hab mir eine Art Schnirkelschnecke vorgestellt, mit Haus.
      Wusstest du, dass es im Schwedischen zwei Wörter dafür gibt? Snigel und snäcka, einmal Gehäuseschnecke und Nacktschnecke :)

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    2. Monerl, du bringst es auf den Punkt! Daniela, wir erwarten eine sehr baldige Fortsetzung von dir :D.

      Und ich war auch der Meinung, dass Lukas noch ein Jugendlicher sei :P.

      Liebe Grüße,
      Mila

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    3. Euer Wunsch ist mir Befehl, es gibt eine Fortsetzung :)

      Nein, Lukas ist ein Mann ... auch gestandene Männer haben das Recht auf ein extravagantes Hobby. Ich dachte, ein Hinweis sei das viele Geld und das Wissen, dass er in seine Rennschnecken investiert, er macht es ja sehr akademisch im Gegensatz zu dem Teeny.
      Liebe Grüße
      Daniela

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    4. Yeaaah!

      Übrigens habe ich dich getaggt, Daniela. Schau doch mal hier vorbei, ich freue mich, wenn du mitmachst: Wandertag bei Mila

      Liebe Grüße,
      Mila

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  8. Wirklich eine total tolle Geschichte. Der Anfang hat mich etwas irritiert, aber dann war ich total drin.
    Richtig toll!

    Hier kommst du zu meinem Beitrag

    LG
    Svenja von Bücherfieber

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  9. Hast Du schon mal überlegt, ein Buch zu schreiben? Meine ich ganz ernst. Ich finde, Du kannst großartig schreiben.
    Das Ende ist echt gemein!

    Liebste Grüße
    Petrissa

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    Antworten
    1. Hi Petrissa,
      deine Frage bedeutet mir viel, denn das ist mein großer Traum, ein Buch zu schreiben.
      Mit dem Writing-Friday wollte ich einfach losschreiben, einfach mal üben und verschiedenes ausprobieren an Stilen, an Arbeitsweisen etc.

      Keine Angst - es wird eine Fortsetzung und Auflösung geben :D, dem vielfachen Wunsch konnte ich nicht wiederstehen, ich hab es allerdings mit einer anderen Schreibaufgabe verbunden.

      LG, Daniela

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