Freitag, 20. April 2018

[#WritingFriday] Von schwangeren Gläubigen, einem magischen Telefonat und einem Mann ohne Hand

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Von schwangeren Gläubigen, einem magischen Telefonat und einem Mann ohne Hand


Fortsetzung der Geschichte "Von Rennschnecken und schwangeren Gläubigen" und die #Writing-Friday-Aufgabe "Eine Frau verwählt sich und landet bei einem fremden Mann. Unerwartet beenden sie das Gespräch aber mit einer Verabredung. Schreibe das Telefonat dazu auf."


Fassunglos hörte Marlene Lukas' Geständnis zu. Er war sterilisiert, konnte nach medizinischem Stand gar keine Kinder zeugen und hatte ihr es jahrelang verschwiegen, sie Monat für Monat hoffen lassen, schwanger zu werden. Alles, weil er zu feige war, die Lüge aufzulösen. Und je länger es andauerte, umso schwieriger sei es gewesen. Hatte er überhaupt eine Ahnung, in welchen Schmerz er sie dadurch stürzte? In einen Schmerz, der unnötig gewesen wäre. Ihr Glaube war ihr eine Hilfe gewesen, um ihren Frieden mit dem Schmerz zu machen. Ein Schmerz, an dem Lukas' Schweigen Schuld gewesen war.
Als Lukas fertig war mit seiner Beichte, sah er voller Angst zu Marlene, aber gleichzeitig fühlte er, dass eine große Last von seiner Seele purzelte.
Marlene hingegen war noch immer wie betäubt. Von dem ganz großen Glücksgefühl fiel sie innerhalb weniger Minuten in eine Enttäuschung, von der sie nicht geglaubt hatte, dass es sie überhaupt geben könnte. "Lass mich allein", brachte sie tonlos hervor. Lukas machte einen halben Schritt auf sie zu, aber ein Blick auf ihre Miene brachte ihn zu der Überzeugung, es sei besser, sich zu trollen. "Bin bei den Schneckis", murmelte er. Ja, natürlich, sein Schneckenzimmer, da war er sowieso stundenlang und da konnte er, wenn es nach Marlene ging, erstmal bleiben. Die Schneckis waren für ihn wie seine Babys - und nun würde er mit Marlene zusammen ein Baby haben.
"Oh mein Gott, was soll ich tun?" Marlene ließ sich auf das Sofa sinken. Das Telefon klingelte und am Display sah Marlene, dass es ihre Freundin Lucy war. Gut, ein bisschen Ablenkung würde ihr nicht schaden. Ob sie schon bereit war, über Lukas Verrat zu reden, wusste Marlene allerdings nicht.



"Marlene? Hi, hier ist Lucy! Du wirst es nicht glauben - ich hab am Samstag ein Date."
Ein Date hatte sie? Lucy hatte bestimmt seit fünf Jahren keines mehr gehabt, ungefähr seit sie und Lukas angefangen hatte mit der Babygeschichte. Nein, das stimmte nicht, seit SIE mit der Babygeschichte -
"Marlene? Bist du noch da?", fragte Lucy unsicher.
"Entschuldige, ich war nur gerade ..."
"baff, oder?" lachte Lucy "Ich hatte ja ewig kein Date."
"Also, sag schon, wer ist es, wie habt ihr euch kennengelernt? Ich will alle Details wissen." Für Marlene war das eine gute Ablenkung. Sie konnte ihre eigenen Sorgen vergessen und sich mit ihrer Freundin mitfreuen.
"Es war recht seltsam. Ich hatte vorhin auf einmal das Bedürfnis, dich anzurufen. Es gab keinen bestimmten Grund, ich hab einfach zum Hörer gegriffen und wollte ein bisschen mit dir plaudern. Und dabei hab ich mich verwählt, denn nicht du warst am anderen Ende, sondern ein Mann. Ich hab mich gleich entschuldigt und er sagte ...

'Ach, schade, ich hab mich gefreut, als das Telefon klingelte, ich dachte, es wäre endlich einer meiner Freunde'
'Endlich?'
'Wissen Sie, die Personen, die ich für Freunde hielt, sie waren es wohl gar nicht. Vor dem Unfall, ja, da war ich gerngesehen, wir waren zusammen klettern, Bowling spielen, Feierabendfußball, Kneipentouren. Aber seit dem Unfall haben sie sich immer seltener bei mir gemeldet. Am Anfang schon, aber dann - Aber entschuldigen Sie, wir kennen uns ja gar nicht, ich war nur etwas in Plauderstimmung und wollte mich nicht bei Ihnen ausheulen.'
'Warum nicht? Sehen Sie, ich bin alleine und ich habe nichts bestimmtes vor. Vielleicht war es ja Vorhersehung, dass ich mich verwähle und ausgerechnet Sie am anderen Ende der Leitung hab, Sie, der gerade jemanden zum Reden braucht und ich, die Zeit und Muße zum Zuhören hat.'
'Wenn Sie es so sehen. Ich bin übrigens Markus, sollen wir dann du sagen?'
'Gerne. Ich bin Lucy. Nun, du sagtest, du hättest einen Unfall gehabt?'
'Verkehrsunfall. Ich bin noch relativ glimpflich davongekommen, als hätte ich einen Schutzengel gehabt. Nur meine linke Hand, da stand ein 7-Tonner drauf, die war nicht mehr zu retten.'
'Autsch'
'Tja, und meine früheren Freunde, die können mit mir wohl nichts mehr anfangen. Seit ich aus der Reha entlassen wurde, hab ich auf ein Zeichen gewartet. Wenn ich anrufe, kommen fadenscheinige Ausflüchte und von ihnen ruft keiner mehr mich an.'
'Das ist wirklich traurig. Du hast keine Hand mehr und keine Freunde.'
'So wie du es formulierst, klingt es total lustig.'
'Humor scheinst du noch zu haben, das ist wichtig. Wie geht es dir denn ohne Hand? Ich stelle mir das sehr schwierig vor.'
'Es ist ganz schön schwer, sich daran zu gewöhnen. Und der Stumpf tut oft weh.'
'Hmm'
'Lucy, ich muss sagen, dass war das netteste Gespräch, das ich seit langer Zeit hatte. Und dabei sind wir völlige Fremde füreinander.'
'Das muss ja nicht so bleiben. Wir sind ja immerhin schon beim Du.'
'Ja. Okay. - Lucy, nun weißt du immerhin schon das traurigste von mir; ich bin ein Mann mit nur einer Hand und ohne Freunde. Wie sieht es aus, wollen wir uns nicht mal treffen - und dann bist du dran mit Erzählen und ich zeige dir, dass ich auch ein guter Zuhörer bin und ansonsten gar nicht so traurig?'

"Ja, Marlene, so war das, und jetzt hab ich ein Date mit ihm. Es lag so ein Zauber über unserem Gespräch, wir hatten gleich einen Draht zueinander. Ich bin schon gespannt, ob wir uns auch gut verstehen, wenn wir uns dann in Echt sehen."
"Lucy, das klingt wirklich wundervoll!"

Während des Gespräches hatte Marlene tatsächlich ihren Groll gegen Lukas vergessen, zu wunderbar war Lucys Schilderung gewesen. Als sie nun das Gespräch beendete, stellte sie auch fest, dass kaum noch Groll übrig geblieben war. Das letzte bisschen verschwand, als sie Zwiesprache mit Gott hielt. Und noch etwas wurde ihr klar: Gott hatte ihr ein riesiges Geschenk gemacht, das Wunder war noch größer, wie sie ursprünglich dachte. Und gleichzeitig, das war auch sein Zeichen, hatte auch Lucy ein Geschenk erhalten, eine wunderbare und echte Begegnung mit einem Menschen, egal was sich aus diesem Date noch entwickeln sollte. Und auch Lukas hatte von Gott ein Geschenk erhalten - die Chance, endlich von seiner Lebenslüge loszukommen. Er war zu schwach gewesen, aber Gott hatte geholfen. Wer war sie denn, Gottes Weisheit in Frage zu stellen.

Und doch, ganz ohne weiteres würde sie Lukas nicht vom Haken lassen. Er hatte die Chance von Gott erhalten, aber nun sollte er sich diesem Geschenk auch würdig erweisen. Und Marlene hatte auch schon eine Idee. Sie ging zu Lukas in sein Schneckenzimmer. Das schlechte Gewissen und die Angst stand ihm immer noch ins Gesicht geschrieben. "Lukas, was möchtest du, möchtest du uns verlassen oder möchtest du Teil dieser Familie bleiben, denn das werden wir mit dem Baby sein: Eine Familie."
"Ich will dich nicht verlassen, Marlene, mir ist klargeworden, du bist alles für mich, du bist mein Leben..."
Marlene unterbrach ihn. "Wärst du dann bereit, uns zuliebe deine Rennschnecken wegzugeben?"
Lukas schluckte, schloß die Augen und sagte dann schlicht: "Ja. Ich liebe meine Schneckis, aber dich liebe ich mehr."
"Gut, ich wollte es nur wissen, du darfst die Schneckis behalten - und du musst mir auch noch erzählen, wie Elfi beim Rennen war. Aber etwas anderes möchte ich von dir. Es ist mein Baby genauso wie dein Baby. Gott hat es uns beiden geschenkt, aber nach allem, was war, ist es wichtig, dass du dich als guter Vater erweist. Und ich werde dir die Gelegenheit dazu geben. Das ist meine Bedingung: Nach dem Mutterschutz werde ich in meinen Beruf zurückkehren und du wirst Elternzeit nehmen und dich um das Baby kümmern."

Damit hatte Lukas nicht gerechnet. Aber er wusste, eine andere Frau als seine Marlene hätte ihm nicht so leicht verziehen. Und die Bedingung war fair, Marlene verdiente als Disponentin mehr wie er als Chemiker an der Uni, zudem konnte er einfacher zurückkehren. Allerdings, er und Vollzeitvater? Sowas war ihm noch nie in den Sinn gekommen.

Marlene wartete geduldig. Schließlich fasste Lukas eine Entscheidung und sagte, mit sehr männlicher Stimme: "Herausforderung angenommen."


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Soviele von euch wollten gerne wissen, wie es mit Marlene und Lukas weitergeht. Zunächst war ja nicht geplant, eine Fortsetzung zu schreiben, stattdessen wollte ich mich an die Aufgabe mit dem Telefonat setzen. Doch ich hatte keine Idee dazu. Bis sich auf einmal wieder Marlene in meine Gedanken drängte, Marlene und ihr Gedankenkarusell nach Lukas Geständnis. Doch auch hier wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Bis da dieser Anruf kam von Marlenes Freundin. Und da hatte ich nicht nur meine Fortsetzung, sondern auch die Schreibaufgabe mit dem Telefon gelöst.

Um Mißverständnissen vorzubeugen möchte ich übrigens noch anmerken, dass ich weder Rennschnecken halte, noch sterilisiert bin oder einen solchen Partner habe und gläubig bin ich auch nicht.

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Über den #WritingFriday:  Elizzy von Readbooksandfallinlove hat ihn ins Leben gerufen, um das kreative Schreiben zu fördern. Jeden Monat gibt es verschiedene Themen, aus denen man wählen kann. Eine Geschichte, ein paar Zeilen, ein Gedicht, ausgedacht oder selbst erlebt -  alles ist möglich.

Die Themen für den April:

Kommentare:

  1. Liebe Daniela,
    das ist eine echt süße Fortsetzung zu der Rennschnecken-Geschichte. Aber ich frage mich trotz allem, wie Marlene denn nun überhaupt schwanger werden konnte, wenn Lukas doch sterilisiert ist? Da wäre ich an Lukas' Stelle seeeehr neugierig wie das passieren konnte. xD Aber vielleicht war es ja auch eine unbefleckte Empfängnis? ;D
    Liebste Grüße,
    Ida

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    1. Hallo Ida,
      oh je, ich erlebe grad live den Nutzen von Korrekturlesern. Für mich war das so völlig logisch und selbstverständlich, aber ich hätte es natürlich hinschreiben sollen. Offensichtlich gehört Lukas zu den seltenen medizinischen Fällen, in denen die Samenleiter wieder zusammenwachsen...
      Allerdings hat es auch was, die Antwort offenzulassen.
      Danke, Ida, ich lerne so viel bei diesen Writing-Fridays.

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  2. Eine wirklich tolle Geschichte und vor allem auch eine schöne Fortsetzung.
    Du hast dir wirklich sehr viel Mühe gegeben.
    Wirklich schon, konnte mich echt begeistern.

    Hier kommst du zu meinem Beitrag: https://buecherfieber.blogspot.de/2018/04/writing-friday-der-erste-tag.html

    LG und ein schönes Wochenende
    Deine Svenja von Bücherfieber

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    1. Hallo Svenja,
      zumindest hatte ich eine Idee, daran mangelt es mir oft am meisten :)

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  3. Eine tolle Fortsetzung. Sehr schön mit der Aufgabe verknüpft. Eine schöne Lösung für Marlene mit sehr viel Selbstbewusstsein und ein interessantes Date für Lucy - das stelle ich mir äusserst spannend vor.

    LG

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  4. Juhuuu, die Schneckenfortsetzung! Ist dir gut gelungen! Ich finde nur, dass die Gespräche mehr Drama und bisschen mehr Länge und Tiefe verdient haben :)

    Liebe Grüße,
    Mila :)

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    1. Hallo Mila,
      vielen Dank für die differenzierte Rückmeldung, das ist sehr hilfreich für mich!

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  5. Sehr, sehr lustig, wie sich deine Geschichte so verselbständigt! Ich bin ja tatsächlich an ihrem Fortgang interessiert, auch wenn mich diese "Gott"-Sache etwas stört. Nicht, dass ich was gegen Glaube und Wunder an sich oder so habe. Der Fokus liegt mir ein bisschen zu sehr darauf. Kann ja doch passieren, dass nach einer Vasektomie doch noch eine Nachwuchs möglich ist. Es gibt nichts, das es nicht gibt. Ich hätte wahrscheinlich das eher in den Vordergrund gerückt. Das Glück darüber, dass der damalige Entschluss sehr gravierend war, aber Gott sei Dank ;-) nicht vollständig geklappt hatte.
    Ich frage mich zudem, warum Lukas sich nicht doch mal vorgetastet hat, ob seine Liebste ihn nicht doch evtl. betrogen hatte.

    Dialoge zu schreiben finde ich total schwer! Es gibt viele Autoren, die daran scheitern. Schön, wie du dich daran getraut hast. Ich finde wie Mila, etwas länger hätten sie schon sein dürfen...

    Ach, ich palaver so viel, aber deine Geschichtenidee inspiriert mich gerade selbst. hahaha

    GlG, monerl

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    1. :) Hi monerl, ich find es auf jeden Fall großartig, dass du so mit den Beiden mitfiebert, dass du dir jede Menge (Sinn-)Fragen stellst. Die ja absolut berechtigt sind, das will ich gar nicht abstreiten. Dafür war die Umsetzungszeit wohl zu kurz, um da alle Logiklücken zu schließen, bzw. erstmal zu sehen. Ich bin bewusst bei dieser Gott-Sache geblieben, weil ich selber nicht gläubig bin und mich einmal bewusst in eine andere Denkweise reinversetzen wollte.
      Auch danke für die Rückmeldung mit der Dialog-Länge. Das werd ich beherzigen. Mir war bisher nicht bewusst, dass Dialoge schreiben so schwer ist :/
      Und wirklich cool, dass ich dich inspiriert hab!

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