Samstag, 27. Juli 2019

[Rezension] Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Hörbuch Mengele Audible

Im zweiten Weltkrieg war er der Todesengel von Auschwitz, selektierte fröhlich pfeifend die Neuankömmlinge im Lager: Josef Mengele. Für seine Taten kam er nach Kriegsende auf die Liste der Kriegsverbrecher und lebte ein elendes Leben als Flüchtling. Mengele floh nach Lateinamerika, wo er sich in verschiedenen Ländern und Wohnorten versteckte, als Landwirt arbeitete und mit Hilfe vieler Unterstützer der deutschen Justiz entzog.

Persönlicher Eindruck

Stilistisch konnte mich das Hörbuch nicht ganz überzeugen. Viele Sätze ohne Verben erzeugten eine plakative Geschichtsbuchatmosphäre, die mich nicht immer abholte, allerdings mäandert der Autor auch gekonnt zwischen Nähe und Distanz zu Mengele. Wir sehen ihn als Flüchtling leiden, bekommen aber niemals Mitleid mit ihm.

Sobald er die Chance dazu bekommt, tyrannisiert Mengele als Despot seine Umgebung. Reue für seine Taten in Auschwitz hat er nie empfunden. Den Beruf als Arzt sah er nicht als Retter für einzelne Menschen, sondern als Retter für den deutschen Volkskörper, der "Erbschädlige" entfernte.

Inhaltlich fand ich das Buch überzeugend. Es war für mich unglaublich zu lesen, wie die ehemaligen Nazis in Lateinamerika sich zunächst relativ unbehelligt ein neues Leben aufbauen und netzwerken konnten. Geschützt von Peron, in Ruhe gelassen von der deutschen Justiz. Es interessierte die ersten Jahre schlichtweg niemanden. Mengele reist sogar nach Deutschland, um nach seiner Scheidung erneut zu heiraten.



Die Wende in Deutschland kam erst mit dem "Tagebuch der Anne Frank" (das Buch liegt schon hier, um gelesen zu werden), damit kam das Mitgefühl mit den Opfern. Nun verurteilte man die Täter, der Wind drehte sich. Eichmann wurde vom Mosad, dem israelischen Geheimdienst, entführt und verurteilt.

Mengele musste mehrmals seinen Wohnort wechseln, tauchte unter, lebte unter falschem Namen. Aber er hatte auch die ganze Zeit Unterstützter, Bewunderer, neue wie alte Nazis; und er wurde auch, wenn auch irgendwann fast widerwillig, von seiner Familie in Günzburg finanziell unterstützt.

Für mich ein Stück Zeitgeschichte, das mich erstaunt hat. Wie Deutschland und Lateinamerika sich "nazimäßig" nach dem zweiten Weltkrieg entwickelten, das war mir so nicht klar zuvor. Und dass Mengele mit seinen unmenschlichen Forschungen und Ideen gar nicht alleine darstand; er war besonders schlimm, aber er war ein Kind seiner Zeit und einer von vielen "forschenden KZ-Ärzten". Unfassbar und widerlich...

Eine Frage, die zwischen den Zeilen stand ist die nach der Gerechtigkeit. Ist es gerecht, dass Mengele in Freiheit leben konnte und für seine Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen wurde? Andererseits war sein Leben in der Verbannung schlimmer als eine Gefängnisstrafe in Deutschland abzusitzen, war das gerechter den Opfern gegenüber? Ist es gerecht, dass Mengeles Familie über lange Jahre so unverbrüchlich unterstützt hat, wenn auch von der jungen Generation eher unwillig. Ist es gerecht, dass die Firma der Familie in Günzburg schließlich doch in Sippenhaft geriet und "Landmaschinen Mengele" schließlich verkauft werden musste?

Besonders überzeugt hat mich auch, dass die Geschichte um das Verschwinden von Mengele nicht mit seinem Tod endet, sondern sich bis in die Jetztzeit weiterzieht.


Der Hörbuchsprecher sprach sehr angenehm, ich konnte der Geschichte gut folgen.


Lesen oder nicht?


Für alle, die sich für Geschichte interessieren. Spannend, interessant - die richtige Mischung aus Nähe und Distanz zum Folterarzt; aber stilistisch für mich persönlich nicht ganz perfekt. ⭐⭐⭐⭐


Bibliographische Daten

Titel: Das Verschwinden des Josef Mengele
Autor: Olivier Guez

Ausgabe: Print
Seitenzahl: 224
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
August 2018
ISBN-13: 978-3351037284

Originaltitel: La disparition de Josef Mengele
Übersetzer: Nicola Denis

Ausgabe: Hörbuch
6 ' 29 ''
Der Audio Verlag
Sprecher: Burghart Klaußner

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Kommentare:

  1. Liebe Daniela,
    du hast in deiner Rezension genau das auf den Punkt gebracht....ich habe auch ein bisschen mit dem Schreibstil des Autors gehadert, aber im Endeffekt ist es perfekt geählt, weil so die Distanz zu Mengele bleibt.
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Ich bin auch froh darüber, denn wenn Sympathie mit Mengele aufgekommen wäre, hätte ich mich sehr über mich selbst geekelt :(

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    2. Da hast du absolut recht! Die Vorstellung, man hätte ihn als Figur im Buch gemocht ist wirklich ekelhaft. Dann hätte der Autor alles falsch gemacht, was man nur hätte falsch machen können!

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  2. Hallo Daniela,
    ja, ich verstehe genau, was du mit dem Schreibstil meinst. Auch mir ging es manchmal so, dass ich dachte, das hätte nun nicht sein müssen, doch insgesamt konnte ich darüber hinwegsehen. Ich fand es unglaublich, sich auf diese Art und Weise diesem Monster zu nähern...
    GlG, monerl

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    1. Hi monerl,
      mit der Zeit hatte ich mich an den Stil gewöhnt. Ich vermute sogar, dass es mich in gedruckter Form noch weit mehr gestört hätte und ich vieles überflogen hätte. Das geht im Hörbuch ja nun nicht und ich finde, der Hörbuchsprecher hat wirklich alles aus der Vorlage rausgeholt, was ging!

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  3. Hallo Daniela,

    nach Deiner Rezension werde ich das Buch wohl auch lesen. Nach Monerls Rezesnion hatte ich etwas Angst vor dem Buch.

    Wurde denn gesagt, woher man die ganzen Informationen hatte? Das würde mich ja sehr interessieren.

    Liebe Grüße
    Petrissa

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    1. Hi Petrissa,
      zumindest im Hörbuch wurde nicht erwähnt, wie der Autor recherchiert hat. Interessieren würde es mich auch.

      Freut mich, dass du das Buch auch lesen möchtest.

      LG
      Daniela

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