Montag, 23. Oktober 2017

Das weiße Feld von Lenka Horňáková-Civade

auf dem Cover sind vier Frauen in altmodischer Kleidung zu sehen
tschechische Familiensaga

Roman, 272 Seiten
Blessing, September 2017
Genre: Belletristik, Familiensaga
ISBN: 978-3896675828
französischer Originaltitel: Giboulées de Soleil
Übersetzung: Hanna van Laak
hier das Buch bei Amazon


Woher: Bloggerportal von Randomhouse



Erster Satz

Meine Mutter wusste es als Erste.


Zusammenfassung


Die Geschichte eines Landes vom zweiten Weltkrieg bis heute. Die Geschichte von vier Generationen von Frauen, eine Familie von Bastarden, von starken, vaterlosen Frauen. Geschrieben von der in Mähren geborenen Lenka Horňáková-Civade, Tschechin von Geburt, Französin aus Wahl. Dieses Buch ist keine Autobiografie, aber erzählt auch von ihr, wie von allen tschechischen Frauen.



Persönlicher Eindruck


Getrieben vom Klappentext hab ich dieses Buch vom Bloggerportal angefragt. Erstens mag ich Familiensagen und zweitens ist mein Opa im Sudetenland geboren worden, es war also ein sehr persönlicher Grund, mich auf diese Geschichte einzulassen.

Eingeteilt ist das Buch in drei Teile. Jeweils in Ich-Form erzählen Magdalena, Libuše und Eva. Zusammengehalten wird die Familie von der großen Marie, der Mama, Oma, Uroma. Die Autorin verknüpft das persönliche Schicksal der Frauen mit dem des Landes.

Alle Erzählerinnen wachsen als Bastarde auf, der Name des Vaters auf der Geburtsurkunde nur ein weißer Fleck. Das ist eine unfreiwillige Familientradition, derer sie sich dennoch nicht schämen, genauso wie das Sticken oder die Liebe zu Kühen.
Ich passe nicht in diese vorgegebene Form, ich habe einen Geburtsmakel, eine leere Zeile seit Generationen. ... Ich glaube, dass mir das zusagt, der Lehrerin und dem Rest der Welt zum Trotz. [S. 236]

Von Marie erfahren wir nur durch die Erzählungen ihrer Familie. Ihre Eltern waren gestorben und sie selbst arbeitete bei einem Arzt in Wien, von dem sie die Geburtshilfe erlernte - und eine Tochter bekam. Besonders im Gedächtnis bleibt mir die Aussage, das "früher, im Kaiserreich [...] die Grenzen viel durchlässiger als nach dem Ersten Weltkrieg [waren]" [S. 66]. Marie wechselt noch selbstverständlich zwischen Brno und Wien hin und her, ihre Tochter kann dann die Tschechoslowakei nicht mehr verlassen, während die Urenkelin erneut reisen kann und nach Paris aufbricht.

Magdalena verliert ihren Geliebten an die kommunistische Revolution, als Großgrundbesitzer werden er und seine Familie vertrieben. Der erhoffte Heiratsantrag kommt nicht von ihm, sondern von einem anderen. "Im Ernst, auf wie viele Heiratsanträge kann ich hoffen? Der von Jan ist nicht nur der erste, sondern alle Wahrscheinlichkeit nach auch der letzte. Reicht das, um ihn anzunehmen?" [S. 81]
Auch Libuše und Eva suchen ihr persönliches Glück in den Möglichkeiten, die ihnen ihre Zeit aufzeigt. Hier werde ich mich besonders an die schöne und furchtbare Nacht erinnern und an den Französischunterrricht.

Das Buch berührt tief, es gab einige Stellen, wo mir tatsächlich die Tränen kamen. Eine sehr melancholische, stille Traurigkeit. An anderen Stellen war mir genauso kämpferisch zumute wie den Frauen der Familie, mit ihrem unerschütterlichen Überlebenswillen.

Der Fokus liegt konsequent auf einem weiblichen Blick. Die historischen Ereignisse sind etwas, denen sich diese Frauen nicht entgegenstellen können; sie leben damit und machen das Beste daraus, weben ihr Leben drumherum. Die Liebe zwischen den Müttern und ihren Töchtern ist prägend.
Ich möchte, dass auch meine Tochter ihre Wahl treffen kann, dass man ihr nicht den Willen der anderen aufzwingt. [S. 109]
Sprache und Stil sind atmosphärisch, manchmal lyrisch, nie plump, mit vielen zitierwürdigen Stellen.
Wir wussten nicht, wie uns geschah, aber wir wussten, dass ein Zauber wirkte. Die Zeit war nur angehalten, es war keine tote Zeit, sondern eine verlangsamte Zeit, so verlangsamt, dass sie vergaß, weiter zu vergehen. [S. 127]
Besonders interessant ist, dass wir die Ich-Erzählerin eines Kapitels, etwa Magdalena, als Mutter und Oma durch die Augen ihrer Tochter und Enkeltochter wiedersehen.

Alles in allem ein Buch, das dazu einlädt, erneut gelesen und genossen zu werden.


Lesen oder nicht?


Diese Familiensaga richtet den Blick auf die weiblichen Stärken. Ein Buch, das tief berührt und das man sowohl wegen der Handlung, als auch den Charakteren und der Sprache gerne liest. Ich vergebe keine Punkte aus Prinzip, aber wenn, dann würde dieses Buch die Höchstpunktzahl bekommen.


3 Zitate


Er war eigentlich Schreiner und hatte seine Abstammung von einem unbekannten Vater als Argument im Klassenkampf benutzt. Weder Marta noch Marie hätten je die Welt mit ihrem persönlichen Schicksal belästigt. [S. 150]

Mama Marie [...] dachte ziemlich lange nach, dann musterte sie mich aufmerksam. Ich mag es gerne, wenn Mama Marie mich ansieht, ihr Blick versichert mich mit Nachdruck meines Daseins.
"Das ist mal eine Frage, die es verdient, gestellt zu werden. Meine Kleine, das Glück ist wie eine Tasse Kaffee, die man in seinem eigenen Tempo austrinkt." [S. 162]

Ich weiß noch nicht einmal mit Sicherheit, ob ich schwanger bin, und schon jetzt liebe ich dieses Kind, mehr als alles auf der Welt. Ich bin bereit, Verbrechen für es zu begehen. Das bringt mich zum Lächeln, ein trauriges Lächeln. [Zufallszitat, S. 200]


Weitere Meinungen



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