Mittwoch, 11. Oktober 2017

[Deutscher Buchpreis 2017 - Longlist] Walter Nowak bleibt liegen von Julia Wolf

das Cover zeigt einen Teil eines Schwimmbeckens
Walter Nowak schwimmt täglich 1000 Meter

Roman, 160 Seiten
Frankfurter Verlagsanstalt, März 2017
Genre: Belletristik, Gegenwartsliteratur
ISBN:  978-3627002336
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Woher: Mikkas Rezension dieses Romans ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Der Roman war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017, hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft.



Erster Satz

Ach Walter, hat sie gesagt und war schon zur Tür hinaus.


Zusammenfassung


Walter Nowak ist 68 und im Ruhestand, doch dreht er täglich seine Runden im Schwimmbad. Jeden Morgen, 1000 km. Seine Frau ist zu einer Tagung und er vermißt sie - und dann verschätzt er sich auch noch und knallt mit dem Kopf gegen die Beckenwand. Das ist der Auftakt zu einer Reihe von schlechten Tagen für Walter Nowak, in denen er die Vergangenheit Revue passieren lässt und sich schließlich bewegungsunfähig auf dem Badezimmerboden wiederfindet.



Persönlicher Eindruck


Sprache & Stil, Handlung und Charaktere - dieses Buch macht es dem Leser in keiner Kategorie wirklich leicht, und dennoch wirkt das Ergebnis anstrengungslos. Mit diesem Buch kommt man definitiv aus seiner Komfortzone.

 

Sprache&Stil

Das gesamte Buch ist in der Form eines inneren Monologs des Protagonisten Walter Nowak geschrieben. Manche der Sätze sind unvollständig und abgehackt, manche Gedankengänge werden nur angefangen, die Beendigung scheint Walter gar nicht nötig zu sein. Themen hüpfen wie kleine Apropos hin und her, die Vergangenheit durchdringt die Gegenwart und von der Gegenwart aus erinnert sich Walter an seine Vergangenheit. Realität, Erleben, Visionen und Vergangenes fließen ineinander, dennoch kann man Walters Gedankensprüngen gut folgen.

Ich sitze in der Küche, was für ein Tag. Morgen wieder alles normal, alles wie immer, ich gehe schwimmen, Punkt acht bin ich da. Morgen früh. Was, wenn Yvonne morgen früh noch nicht zurück ist. Wenn ich noch den ganzen Tag und die ganze Nacht hier liege und sie nicht kommt. Stehe ich dann auf? Erhebe ich mich einfach und wische mir das Blut aus dem Gesicht? [Pos. 393]

Handlung

Wir begleiten Walter durch ungefähr drei oder vier yvonne-lose Tage. Sie ist auf einer Tagung, kurz nachdem er von einer beunruhigenden Diagnose bei einer Prostata-Untersuchung erfahren hat ("Natürlich, Herr Nowak, werden wir versuchen, potenzerhaltend, Herr Nowak, zu operieren [Pos. 783]"). Vielleicht geht ihm Yvonne ja auch fremd, mit diesem Typ aus ihrem Verein, diesem M... Michi? Markus? Als er im Schwimmbad dann einer Frau hinterhersieht, die wie einstmals Yvonne Pferdeschwanz trägt, und frontal gegen den Beckenrand knallt, ist er völlig von der Rolle. Er hat geistige Aussetzer, findet sich urplötzlich auf dem Boden liegend wieder. Er versucht, ein eingefrorenes halbes Schwein zuzubereiten, ruft seine Exfrau deswegen an und vergißt den Kadaver dann in der Küche. Eine Fledermaus ist auf einmal im Haus und er sperrt sie in das Badezimmer. Das Schwimmbad wird gesperrt wegen Unwetterwarnung und seine alte Firma, die ist ja längst verkauft.
Walter erinnert sich zurück, an seine Kindheit als "Bastard", die Elvis-Verehrung, die erste Ehe mit Gisela und an seinen Sohn Felix und die Distanz zu ihm (Tierpfleger ist er geworden!), die Liebesheirat mit seiner zweite Frau Yvonne, den Tod seines besten Freundes Bodo.



Charaktere

Obwohl wir die ganze Zeit so nah wie nur irgend möglich an Walter dran sind, fühlen wir eher Mitleid denn Sympathie für diesen alten Herrn, der ein Firmenpatriarch gewesen sein musste, wie er im Buch steht. Auch ich kenne so ein Exemplar und weiß, wie schwierig diese Menschen sein können. Sperrig ist der Walter Nowak, wie das ganze Buch.
Dieser Druck hinter der Stirn. Was habe ich rumgebrüllt. Auch in der Firma, gerade im Job, wenn irgendwas schieflief... [Pos. 859]
Und jetzt versteht Walter oft die Welt nicht mehr. Politische Korrektheit und Erinnerungskultur, Empathie und Verständnis, gerade für seinen Sohn, das ist Walters Welt nicht. Überall scheint er nur noch anzuecken.

Doch kaum erblickt Felix mich, weicht das Lächeln aus seinem Gesicht. Eben noch lächelt er, lauscht, schon starrt er mich an. Dieser Blick, er hat mich durchschaut. Ich bin nicht erwünscht. Das weiß ich schon lange, meine Meinung ist nicht gefragt. [Pos. 1090]
Wir sitzen beim Abendbrot, und ich würde Yvonne gerne, ich habe das Bedürfnis, es ihr zu erzählen, aber ohne dass sie wieder, ihren Menschenrechtston, das Gesicht dazu. Ich könnte sagen: Meine Ärztin kommt aus Afrika. Dann würde Yvonne fragen, aus welchem Land. Du sagst ja auch nicht, der und der kommt aus Europa, würdest du ja nie sagen, du würdest immer sagen, der kommt aus Frankreich oder Polen oder Spanien. Ein Land eben. [Pos. 301]






Lesen oder nicht?


Ein anspruchsvoller und nicht gerade leichtgängiger Roman, der sich abseits des Gewohnten bewegt - wer sich darauf einlässt, der wird mit ganz neuen Sichtweisen belohnt. Und das war es auch, was ich mir von diesem Roman versprochen habe - hinaus aus der Komfortzone!


3 Zitate


Wer bis zwölf Uhr schläft, übernimmt keine Firma. Arbeitet nicht wie besessen, revolutioniert nicht den Markt. [Pos. 393]

In unserer Familie. Wir sterben schnell. Quasi über Nacht. [Pos. 924]

Sicher habe ich nicht alles richtig, kein Mensch ist perfekt. Den Luxus muss man sich erst einmal leisten. An seinen Eltern herumzumäkeln, immer nur jammern. [Zufallszitat, Pos. 975]






Ich freue mich über eure Kommentare.

Kommentare:

  1. Huhu Daniela,

    eine schöne Rezension, ich bin froh, dass dich das Buch auch packen konnte! Für mich wäre es wirklich auch ein verdienter Preisträger gewesen, hätte es gewonnen oder es zumindest auf die Shortlist geschafft. :-)

    LG,
    Mikka

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    1. Hallo Mikka,
      es bleibt auf jeden Fall etwas hängen, das hätte ich so gar nicht erwartet.

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  2. Liebe Daniela,
    ich bin wieder aus dem Urlaub zurück und kann endlich wieder die vielen schönen Beiträge lesen und kommentieren!
    Eine sehr schöne Buchbesprechung ist dir da gelungen! Du bringst das Buch auf den Punkt und hast es mir schmackhaft gemacht, obwohl es wohl keine leichte Lektüre ist. Ich mag Bücher, die etwas anderes sind und in sich schon ein Kunstwerk abgeben könnten, sehr. Werde es ganz sicher lesen.
    GlG vom monerl

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    1. Hallo Monerl,
      ich hoffe, du hast dich gut erholen können und viele schöne Erinnerungen geschaffen.
      Ja, zwischen unterhaltenden Büchern muss es auch etwas anspruchsvolles sein. Nach viel Fantasy brauch ich Belletristik. Und ich mag Bücher, die sprachlich herausragend sind und zum Nachdenken anregen.

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  3. Hey :)

    Ich bin zufällig über deinen Blog gestolpert und muss sagen, dass er wunderschön ist. Ein wirklich toller Blog! Sehr gerne folge ich dir.

    Außerdem würde ich mich sehr freuen, wenn du meinen neue Blog besuchen würdest: Hier
    Da ich keine Erfahrungen mit dem Bloggen habe, kann ich Tipps und Ratschläge sehr gut gebrauchen.

    Ganz liebe Grüße
    Zeki :)
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    1. Hallo Zeki,
      das freut mich ganz besonders und ich schaue gerne bei dir vorbei.

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  4. Schöne und ausführliche Rezi! Auch wenn das Buch eher nichts für mich ist, interessant klingt es auf jeden Fall und deine Rezi macht Lust drauf! Liebe Grüße

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    1. Danke, Anja. Ja - es ist kein Buch für jeden, das ist klar. Für mich persönlich hat es sich gelohnt.

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  5. Sehr gelungene Rezension, in der ich meine Meinung wieder finde!
    LG
    Querleserin

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