Montag, 30. Oktober 2017

Der Himmel über Quickborn von Kirstin Messerschmidt

das Cover zeigt ein Mädchen, das auf einem Auto sitzt
Quickborn is everywhere

Roman, 390 Seiten
CreateSpace Independent Publishing Platform, September 2017
Genre: Jugenbuch, Coming-of-Age
ISBN:  978-1548212742
hier das Buch bei Amazon


Woher: Rezensionsexemplar von Literaturtest - Ich danke herzlich!



Erster Satz


Charlotte schaffte es trotz meiner Bemerkung irgendwie weiterzulächeln.


Zusammenfassung


Liv ist 15 und vor kurzem mit ihren Eltern von der Großstadt Hamburg in das dörfliche Quickborn gezogen. Ihre Mutter Charlotte (sprich: Char-lett) ist eine despotische Mutter, ein richtiger Beissdrache und Star einer Fernsehshow. Franco, der Vater, ist Wissenschaftler und beobachtet nächtelang die Sterne. Er erträgt die Launen der Mutter und kümmert sich fürsorglich um Liv. Liv selber hat eine Mordswut im Bauch. Oft träumt sie sich in die Arme von Kurt Cobain.
Auf die neue Schule hat sie so gar keine Lust. Dann lernt sie Walter kennen, eine echte Nervensäge einerseits aber andererseits ein guter Freund. Und der Lichtblick an der Schule: Marc Schleiss, unkonventioneller Lehrer, ein echter Kumpeltyp, der sie unbedingt in seiner Theatergruppe haben möchte.
Als Kurt stirbt, ihre Eltern sich komisch benehmen und Liv sich in Marc verliebt, ist das emotionale Chaos perfekt.



Persönlicher Eindruck


Handlung & Charaktere


Ein schonungsloser Blick in eine dysfunktionale Familie und in das Innenleben eines 15-jährigen Mädchens.

Liv, die ihren richtigen Namen Oliva nicht leiden kann, konnte mich gleich für sich einnehmen. Die Ich-Erzählerin ist altklug, witzig und ironisch und hat einen großen Kampfgeist.

Die Verhältnisse in der Familie sind teilweise richtig schockierend, auch wenn Liv sie als gegeben hinnimmt. Die Mutter fühlt sich nur gut, wenn sie andere niedermachen und klein machen kann. Strafen aus heiterem Himmel, Lügen und verbale Gewalt. Der Vater flüchtet vor seiner dominanten Frau. Er und Liv bilden einen verschworene Gemeinschaft, die irgendwie versuchen, zusammen gegen die Mutter zu bestehen.
Wenn man sich diese Familie einmal so betrachtete, den flüchtenden Franco, die verzweifelt um sich schlagende Charlotte und, na ja, mich, dann lag die Vermutung nahe, dass die Tage der Ballatos in Quickborn gezählt waren. Wir bewegten Uns auf den Abgrund zu. Und ich hatte fast nichts mehr zum Festhalten. [S. 166]

Kein Wunder, dass Liv so eine Wut hat. Trotzdem hat es mich schockiert, als sie einen Teller in Richtung ihrer Mutter geschmissen und die Vitrine zerstört hat. Und auch die Wutausbrüche in der Schule sind nicht von schlechten Eltern. Andererseits sind wir durch die Erzählperspektive nah dran an Liv und sehen, was ihre unkontrollierte Wut mit ihr macht und woher sie kommt.

Liv hat eine harte Zeit, um in der Schule anzukommen und mit den Schulkameraden auszukommen. Vor allem drei blonde Schönheiten machen ihr grundlos das Leben schwer. Und da ist noch Walter, der sich um jeden Preis mit ihr anfreunden möchte und immer zur Stelle ist, wenn sie Trost braucht. Liv ist oft genervt von ihm, rennt wortlos davon oder meldet sich nicht - andererseits ist er der einzige, der einem Freund nahekommt. Im Lauf des Buchs merkt Liv, dass sie oft genauso gemein ist zu anderen Leuten wie ihre Mutter und sie versucht, sich zu ändern.
In letzter Zeit erwischte ich mich so oft in Momenten, in denen ich mich wie Charlotte benahm. Ich hatte Walter ignoriert, abgebügelt, ausgesetzt und im Regen stehen lassen, ich hatte ihn respektlos und von oben herab behandelt. Und ich schämte mich für jeden einzelnen dieser Momente. [S. 312]

Und dann - Kurt Cobain. Wer in meinem Alter ist, der erinnert sich nur zu gut noch an seinen Freitod und an die Welle von Weinkrämpfen und hysterischen Anfällen seiner Fans. Auch Liv war ein erstklassiger Fan, die Tagträume mit Kurt waren ihre Flucht vor ihrer Familie. Und nun ist Kurt tot. Die Autorin hat die Reaktion von Liv so hautnah geschildert, dass die Verzweiflung dieses Teenagers wirklich rüberkam. Apropos Teenager - der Roman ist im Prinzip klassisches Coming-of-Age. Liv ist über lange Zeit wirklich sehr naiv und gutgläubig. Ihre Verliebtheit in Marc ist auch ein typisches Beispiel. Marc ist ein interessanter Lehrer, der einerseits sehr cool ankommt, andererseits aber auch große Probleme zu haben scheint. Liv wird zwar vor ihm gewarnt, aber natürlich schlägt sie alle Warnungen in den Wind und möchte nur in Marcs Nähe sein.

Was mir gut gefallen hat ist, dass alle Charaktere (ihre Eltern, Walter und auch Marc) sehr vielschichtig dargestellt sind und nach und nach andere Seiten und Facetten offenbaren, die den Leser und Liv gleichermaßen erstaunen.

Und hier kommen wir zum Kritikpunkt: Obwohl der Roman in den 90ern spielt, und damit eine Zeit, die mir sehr nahesteht, ist mir Liv oft doch etwas zu sehr Teeny. Man gut sich zwar gut in sie reinversetzen, aber dennoch liegen ihre Probleme einfach zu weit weg von meinem Alltag, als dass es mich brennend interessiert hätte. Ich hab das Buch zwar interessiert gelesen und hab mich gut unterhalten gefühlt, aber da war kein starkes Bedürfnis da, am Ball zu bleiben. Hätte ich aus irgendwelchen Gründen eine mehrwöchige Pause einlegen müssen beim Lesen, hätte mich das bei dem Roman nicht groß gejuckt.





Sprache & Stil


Der Roman ist aus der Ich-Perspektive Livs geschrieben. Er liest sich flüssig und ist gut verständlich.




Lesen oder nicht?


Ein interessanter Jugendroman, der mich gut unterhalten hat und der eine seltene Perspektive auf das Leben einnimmt. Das letzte Quäntchen Inspiration hat für mich gefehlt, dennoch ist es ein rundum gelungener Roman.



3 Zitate


Ihre Stimme klingelte in meinen Ohren. Ich konnte Francos Angstschweiß förmlich riechen, aber sein Gesicht blieb starrr. Für einen Außenstehenden hätte er wohl völlig gelassen gewirkt. [Zufallszitat, S. 3]

Obwohl meine Wutausbrüche zugegebenermaßen ab und zu ein bisschen Schaden anrichteten, waren sie sehr nützlich. Sie hatten etwas Reinigendes. Clearasil für die Seele. [S. 17]

"Du hast deine große Liebe verloren, Liv. Was auch immer deine Mutter dazu bewegt, lieber sich selbst zu bemitleiden - denk bitte niemals, dass deine Gefühle nicht wichtig sind." [S. 136]







Ich freue mich über eure Kommentare.

Kommentare:

  1. Hallo Daniela,
    ich muss zugeben, dass ich beim Anblick des Covers noch nicht wirklich überzeugt war. Doch dann kam deine Rezension. Das hört sich nach einem sehr vielschichtigen und tiefgründigen Roman an.

    Die jugendlichen Probleme der Protagonistin hat die Autorin scheinbar sehr gut ausgearbeitet. Bei deinen Worten habe ich direkt mitgefühlt. Besonders dass Livs Vater so um die Tochter kämpft und dann im Endeffekt der einzige Freund ist, den sie hat. Dass das Mädchen so an einer Person hängt (Kurt Cobain), der sie nie nah sein wird und dass sie dann so unter seinem Tod leidet, konnte ich schon beim Lesen deiner Zeilen mitempfinden.

    Eine wirklich interessante Buchempfehlung. Vielen Dank dafür.

    Ganz liebe Grüße
    Tanja

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    Antworten
    1. Hallo Tanja,
      ganz genauso ist es. Und es sind noch einige tolle Wendungen drin, manchmal sind die Dinge anders, wie sie scheinen.
      Wenn du magst, kann ich dir das Buch zuschicken, melde dich einfach.
      Übrigens tut mir leid, dass ich erst heute antworte. Ich hab früher von Blogger immer Mail-Benachrichtigungen bei Kommentare bekommen, aber das ist nun etwas sporadisch, ich bekomm nicht mehr alles mit :(
      Liebe Grüße
      Daniela

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  2. Stimme Tanja voll zu. Du hast eine wunderbare Rezension geschrieben, die wirklich Lust auf das Buch macht. Vielen Dank dafür! Viele liebe Grüße von Krischi

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