Freitag, 8. Dezember 2017

Unterm Rad von Hermann Hesse

das Cover zeigt den 12jährigen Hermann Hesse
Auf dem Cover ist der 12-jährige Hesse himself

Erzählung, 166 Seiten
Suhrkamp Verlag, 1972
ISBN: 3-518-36552-5 700
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Woher: Von einer Kellerentrümpelung, war eine alte Schullektüre und wurde von mir dankbar angenommen.



Erster Satz

Herr Joseph Giebenrath, Zwischenhändler und Agent, zeichnete sich durch keinerlei Vorzüge oder Eigenheiten vor seinen Mitbürgern aus.


Zusammenfassung


Hans Giebenrath ist ein begabter junger Lateinschüler. Von seinem Vater, dem Rektor und den Stadtpfarrer wird er gedrängt, eine Laufbahn als Seminarschüler anzustreben. Für ihn heißt es fortan pauken bis in die Nacht. Und auch im Seminar kommt ein volles Pensum auf Hans zu.

Hermann Hesse erzählt vom Niedergang eines Knaben, davon, was es heißt, wenn man keine Zeit und keinen Raum bekommt, um Kind zu sein und Erwartungen gerecht zu werden, die vielleicht noch nicht mal die eigenen sind.

Über den Autor und das Werk

Hermann Hesse wurde in meinem Landkreis geboren, in Calw, am 2.7. 1877. Er mochte zwar seine Heimatstadt, lebte andererseits aber später in Lugano im Tessin. Diese Erzählung ist 1903 in Calw entstanden. Im Vorwort ist ein Zitat von Arthur Eloesser 1906 "Der Roman enthält ungefähr eine Anleitung für Eltern, Vormünder und Lehrer, wie man einen begabten jungen Menschen am zweckmäßigsten zugrunde richtet."



Persönlicher Eindruck


Hans steht kurz vor seinem Landesexamen, die Aufnahmeprüfung für das Seminar, das ihn dann zum Pfarrer ausbildet. Er hat ein Jahr voller Paukerei hinter sich, als wir von seinem Lernpensum erfahren, erschrecken wir. Zusatzstunden in Latein und Griechisch, Pauken bis spät in die Nacht, oft bis Mitternacht. Alles, was ihn ablenken könnte und einmal Spaß machte, wie seine Kaninchen oder Angeln, wurde ihm nach und nach weggenommen. So kennt er nur noch die Bücher und die Befriedigung, einen lateinischen Text entschlüsselt zu haben. Das wird Hans erst selber bewusst, als er einen Tag vor dem Landesexamenen einen freien Tag bekommt und nun wieder mal durch die Natur streifen kann. Das hat er vermißt, merkt Hans.

Aber da kommt schon das Examen, von dem er nicht weiß, ob er es bestanden hat. Denn längst hat Hans den Ehrgeiz und den Anspruch, besser zu sein als seine Kameraden, mit deren wilden Spiele er sowieso noch nie etwas anfangen konnte. Doch er hat bestanden und in seinen Ferien soll er sich nun endlich erholen. Es beginnt auch gut, er stellt Angelruten her, geht angeln und am Nachmittag baden. Doch nach und nach melden sich wohlmeinende Lehrer, dass es gut wäre, wenn er jetzt schon einiges vorarbeiten würde. Und so kommt zunächst eine Stunde Neugriechisch am Morgen hinzu, dann Latein, dann Mathe ... und plötzlich ist Hans wieder voll dabei, zu lernen.

Ein Großteil des Buches spielt dann im Seminar. Hesse kritisiert die Erziehungsmethoden, die Art, wie die Schüler gebrochen und neu aufgebaut werden, so dass sie glauben, Latein und Neugriechisch seien das Wesentliche in der Welt.

Hans ist zunächst fleißig und ist bestrebt, Primus zu werden. Er tut sich schwer, Freundschaften zu finden und findet nach einiger Zeit dann doch einen Freund. Heinrich ist ganz anders als Hans, übt Kritik am Seminar und an allem, ist eher lyrisch veranlagt und jammert viel. Wie man mit so einer Freundschaft umgeht, das muss Hans erst lernen. Überhaupt ist das Seminar eine ganz eigene Welt, in der sich Hans zurechtfinden muss mit den vielen anderen Schülern und in dem viel zwischenmenschliches passiert. Ich denke, dass Hesse hier auch aus eigener Anschauung erzählt.

Doch die großen Anforderungen fordern ihren Tribut und Hans wird gemütskrank. Was genau er hat, wird nicht in klinischen Diagnosen erzählt, heute würde man wohl von Depression oder Burn-Out sprechen. Er ist immer müde, hat Kopfweh, teilweise Halluzinationen, das Gefühl, neben sich zu stehen und kann sich nicht mehr konzentrieren. Später kommt noch Todessehnsucht hinzu.

Hermann Hesse zeichnet detailliert das Bild, wie dieser begabte Junge an den zu großen Anforderungen und Erwartungen scheitert. Die Umgebung unterdrückt alle natürlichen Impulse, es gibt keinen Freiraum, weder für den Geist noch an Zeit oder Raum. Dass Kinder neben einem großen Schulpensum keine Zeit für sich selbst haben, ist heute ja wieder hochaktuell.

Dennoch fiel mir auf, dass Hans seltsam passiv bleibt, er kann sein Leben nicht in die eigene Hand nehmen. Er reflektiert seinen Werdegang nur im Kleinen, so erkennt er z.B., dass Freundschaft auch Mut erfordert. Aber was seinen Lebenslauf angeht, z.B. hatte er einmal kurz die Idee, dass er aufs Gymnasium könnte, da folgt er seinem Vater und anderen und merkt nicht, dass sein Tagespensum ihm nicht gut tut. Und die, die für ihn verantwortlich sind, diese merken es auch nicht. Sie meinen es nur gut und richten ihn dennoch zugrunde, das ist die große Tragik. Und Hans leidet daran, die Hoffnungen nicht erfüllt zu haben.

Als Randnotiz fiel mir das Lokalkolorit auf, da ich in der Nähe wohne und die Städte kenne, Calw, Maulbronn und Stuttgart. Hesses feine Kritik und Kenntnis der schwäbischen Kleinstädterei. Auch fiel mir auf, die Stellen, in denen Hans sich in der Natur vergnügt, wieviel da summt, brummt, fliegt und schwimmt. Er angelt Fische, von denen ich noch nie gehört habe; überall um ihn herum gibt es Insekten, Heuschrecken, Vögel - das ist uns verloren gegangen.

Hesses Stil ist literarisch herausragend, es macht Spaß, seine Sätze zu lesen, vieles ist zitierwürdig. Trotz einiger veralteter Ausdrücke und Institutionen (so etwas wie Mädchenpensionat und auch dieses Seminar) lässt es sich gut verstehen und flüssig lesen. Er berichtet als allwissender Erzähler.



Lesen oder nicht?


Hesse ist wohl ein Klassiker. Trotz einiger veralteter Erziehungsmethoden und Schulinstitutionen gibt es auch heute noch Impulse. Hesses Stil ist literarisch und zeitlos. Ein lohnendes Buch.

Gesamtbewertung




Voller Stern
Voller Stern
Voller Stern
Voller Stern
Halber Stern
Sofa-Fessler
Leseempfehlung


Ein überdurchschnittliches Buch, dass dieses besondere Etwas hatte und mit seiner wichtigen Botschaft zur Leseempfehlung taugt.


3 Zitate


Dort entkleidete er sich, steckte die Hand und darauf den Fuß tastend ins kühle Wasser, schauderte ein wenig und warf sich dann mit schnellem Sturz in den Fluß. Langsam gegen die schwache Strömung schwimmend, fühlte er Schweiß und Angst dieser letzten Tage von sich gleiten, und während seinen schmächtigen Leib der Fluß kühlend umarmte, nahm seine Seele mit neuer Lust von der schönen Heimat Besitz. [Zufallszitat, S. 26]

Zugleich sind dort die jungen Leute den zerstreuenden Einflüssen der Städte und des Familienlebens entzogen und bleiben vor dem schädigenden Anblick des tätigen Lebens bewahrt. Es wird dadurch ermöglicht, den Jünglingen jahrelang das Studium der hebräischen und griechischen Sprache samt Nebenfächern allen Ernstes als Lebensziel erscheinen zu lassen... [S. 54]

Den Wohltaten, welche der Staat seinen Zöglingen erweist, muß eine scharfe, strenge Zucht entsprechen, das war schon in der großen Rede beim Eintrittsfeste vorgekommen. Auch Hans wußte das. Und er unterlag im Kampf zwischen Freundespflicht und Ehrgeiz. [S. 79]



Kommentare:

  1. Liebe Daniela,

    ich liebe ja Hesse und das Buch habe ich auch gelesen. Hans ist im Übrigen Hesse. Also das ist ein autobiographisches Buch, daher hat es mich auch nochmal besonders berührt.
    Gut, dass Du das Buch gerettet hast!

    Liebe Grüße
    Lilly

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    Antworten
    1. Hi Lilly,
      ich dachte auch an einen autobiografischen Hintergrund, bis auf den Schluss, der ganz offensichtlich nicht autobiografisch ist.
      Ich werd in nächster Zeit einige solcher Lektüren haben, ich hab einen ganzen Stapel Klassiker bekommen!

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