Freitag, 24. November 2017

Dem Leben Antwort geben von Viktor E. Frankl

Das Cover zeigt Viktor E. Frankl
Erste Autobiografie in diesem Jahr

Autobiografie, 221 Seiten
Beltz, Neuausgabe April 2017
ISBN: 978-3407864604
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Woher: Diese Autobiografie wurde mir im Schwedischkurs spontan ausgeliehen, als eine liebe andere Kursteilnehmerin über Viktor E. Frankl und sein Buch berichtete (Hausaufgabe: Berätta över ngt.)



Erster Satz

Meine Mutter stammte aus einem alteingesessenen Prager Patriziergeschlecht - der Prager deutsche Dichter Oskar Wiener (dessen Gestalt in Meyrinks Roman Der Golem verewigt wurde) war ihr Onkel.


Zusammenfassung


Die 1995 erschienene Autobiographie in einer Neuauflage plus dem Aufsatz "Philosophie und Psychotherapie". Vikor E. Frankl, 1905-1997, war österreichischer Philosoph und Psychotherapeut. Er überlebte das KZ Ausschwitz und begründete mit der Logotherapie eine Therapieform. Seine zwei bekanntesten Bücher sind das 1946 erschienene biografische Werk …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager* und sein medizinisches Hauptwerk, die Ärztliche Seelsorge*.

Diese Autobiographie ist wie eine Kommentierung seines Lebens, ein Rückblick auf das, was für ihn wesentlich ist.

Persönlicher Eindruck


Viktor Frankl blickt auf sein Leben zurück. Beginnend mit der Kindheit berichtet er über einzelnen Themen wie den Wortwitz. Er beschreibt seine Hinwendung zur Philosophie und zur Psychologie. Das wiederkehrende Thema seines Lebens ist, dem Leben Sinn zu geben.

Frankl erläutert, wie sich sein psychotherapeutisches Wirken entwickelte und gibt Beispiele für die Anwendung und Auswirkung der von ihm begründeteten Logotherapie und der Paradoxen Intervention. Leider setzt er viele voraus, sowohl, was psychologische Lehren betrifft als auch Einzelheiten seines Wirkens. Deshalb war manches für mich nicht ganz verständlich, z.B. hab ich nicht ganz verstanden, welche akademischen Diskurse dazu führten, dass er ein Individualpsychologisches Forum verlassen musste.

Frankl drückt sich sehr gewählt und etwas veraltet aus, aber schließlich war er 1905 geboren. 

Das Bild zeigt eine Zeichnung von Frankl
Selbstkarikatur
Er berichtet weiter von seiner Arbeit als Arzt im vom Nazis besetzten Österreich. Nüchtern erzählt er, wie schwierig das Leben wurde. Seine erste Frau Tilly musste abtreiben, weil schwangere Frauen zu dieser Zeit sofort in Konzentrationslager verbracht wurden. Tilly hat das KZ Bergen-Belsen nicht überlebt und wurde nur 25 Jahre alt. Frankl berichtet knapp und nüchtern, aber vielleicht auch gerade deshalb kamen mir die Tränen.

Auch seine Eltern und Geschwister überlebten das KZ nicht. Wie kann ein Mensch in so einer Situation dem Leben noch einen Sinn abringen? Das große Theme für Frankl, und er findet eine Antwort. Bei ihm ist es, dass er noch während er im KZ ist, ein Buch über seine Erlebnisse skizziert und nach seiner Befreiung fast wie im Rausch neun Tage lang diktiert. "Ein Psycholog erlebt das Konzentrationslager" wird ein großer Erfolg, vor allem in den USA. Und er stenografiert einen Entwurf für sein medizinisches Standardwerk, der Ärztlichen Seelsorge, das hält ihn aufrecht.

Frankl hütet sich vor pauschalen Schuldzuweisungen, auch gegenüber den Wienern oder Nazis. Er ist durch und durch Arzt und diskutiert auch schon mal stundenlang mit einer jungen Frau, die ihn spontan um 3 Uhr nachts angerufen hatte, weil sie sich umbringen wollte.

Frankl ist eine wirklich beeindruckende Persönlichkeit. Seine Erfahrungen, seine Einstellungen und Werte und seine entwickelten Therapieverfahren, die die Philosophie in der Psychotherapie nutzt, sind beeindruckend.


Lesen oder nicht?


Viktor E. Frankl ist ein großartiger Mann. Seine Erlebnisse und Therapieansätze sind beeindruckend. Ich bin inspiriert, mich näher mit ihm und der Logotherapie zu beschäftigen.

Vieles wird in dem Buch vorausgesetzt, und schließlich ist das Buch auch von Frankl als Ergänzung zu seiner Haupt-Autobiographie geschrieben worden. Mir dünkt, dass Leser seiner 1946-Autobiographie "Ein Psycholog erlebt das Konzentrationslager" oder Kenner seiner Therapien von diesem Buch mehr profitieren würden; dennoch konnte auch ich genügend mitnehmen, um nachhaltig beeindruckt zu sein. Das Buch hatte ich an einem Abend gelesen.

Gesamtbewertung



Voller Stern
Voller Stern
Voller Stern
Leerer Stern
Leerer Stern
Gute Unterhaltung: Erwartung voll erfüllt
3 Sterne: Gute Unterhaltung: Erwartung voll erfüllt

Das Buch an sich ist gute Unterhaltung, warum, darauf gehe ich ausführlich in meiner Rezension ein. Die Geschichte dahinter - die Autobiographie - kann und darf man sie überhaupt in eine Bewertung pressen? Wer bin ich, die "Spannung" oder was auch immer zu bewerten, wenn ein Mensch über sein Leben berichtet? Vor allem, wenn es sich um ein solches Leben handelt.


3 Zitate


Ein Prager Dozent hatte ein paar Kollegen auf ihren Intelligenzquotienten hin getestet, und bei mir war ein überdurchschnittlicherr IQ herausgekommen. Damals war ich darüber eigentlich sehr traurig, denn ich dachte mir, andere könnten mit einem solchen Intelligenzquotienten etwas anfangen, wogegen ich wohl keine Chance mehr hätte, aus dem Intelligenzquotienten etwas zu machen, sondern im Lager umkommen würde. [S. 18]

Ich respektiere den Entschluss eines Menschen, sich das Leben zu nehmen. Ich wünsche aber, dass auch mein Prinzip respektiert werde, das lautet: zu retten, solange ich kann. [S. 94]

Zu meinem 40. Geburtstag hatte mir ein Kamerad einen Bleistiftstummel geschenkt und ein paar winzige SS-Formulare herbeigezaubert, auf deren Rückseite ich nun - hoch fiebernd - stenographische Stichworte hinkritzelte, mit deren Hilfe ich die Ärztliche Seelsorge eben zu rekonstruieren gedachte. [Zufallszitat, S. 200]




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Kommentare:

  1. Hallo Daniela,
    das klingt nach einer sehr interessanten Vita und einer sehr bewegenden Geschichte. Ich muss sagen, dass ich ungern Bücher über diese Zeit lese, eben weil mir die Erlebnisse sehr nahegehen. Dass der Protagonist sich in seiner Tätigkeit als Arzt drei Stunden nimmt, um mit der Frau zu diskutieren, zeigt tatsächlich, wie sehr ihm die Schicksale seiner Patienten am Herz liegen.

    Eine sehr schöne Rezension und eine sehr interessante Buchempfehlung. Vielen Dank dafür :o)

    Ganz liebe Grüße
    Tanja

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    Antworten
    1. Hallo Tanja,
      als die Besitzerin des Buches im Kurs über sein Leben berichtete, war ich auch wie gefesselt. Es macht auch Lust darauf, eines seiner Hauptwerke zu lesen. Ich kannte ihn vorher leider gar nicht. Mittlerweile ist er gestorben.
      Ich fand die Geschichte mit der Frau am Telefon auch bewegend, vor allem, weil er sie ja gar nicht kannte.
      Grüße
      Daniela

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