Freitag, 19. Januar 2018

[#WritingFriday] Erzähle von einem Moment, der den weiteren Verlauf deines Lebens fundamental hätte verändern können

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Es ist ein Irrtum zu glauben, wir würden in jedem Moment unseres Lebens bedeutende Entscheidungen treffen. Die Wahrheit ist, dass wir in festgefahrenen Bahnen leben und in unseren Entscheidungen weit weniger individuell sind, wie wir es gerne hätten. Nur wenige Momente sind überhaupt dazu auserkoren, die Weichen zu stellen für ein komplett anderes Leben.  Es gibt Theorien in der Physik, dass sich in so einem Moment die Welten aufspalten in Parallelwelten. In der einen Welt lebt man dann so, in der anderen Welt völlig anders. Wie interessant wäre es, in eine solche Parallelwelt hineinzublicken. Wäre ich dann noch die gleiche Person? Wäre nicht nur mein Lebenslauf, sondern auch Wesen verändert? Philosophen und  Neurowissenschaftler diskutieren,  inwiefern mein Ich, mein innerer Kern, geprägt ist von meinem Leben und andersrum.

Welcher Moment hätte mein Leben fundamental verändern können? Der erste Moment ist einer, der gar nicht in meinen Händen lag. Wäre die Familie meines Großvaters auf ihrer Vertreibung aus dem Sudetenland nicht in dem kleinen sächsischen Ort hängengeblieben, in dem meine Großmutter lebte, dann gäbe es mich heute gar nicht. Wären die beiden dann nicht etwas später in den Westen geflüchtet, wäre meine Mutter nicht in Karlsruhe aufgewachsen. Wäre mein anderer Großvater nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, dann gäbe es meinen Vater gar nicht. So hat die große Weltpolitik auch meine Familie beeinflusst.

Mein Vater erzählt hin und wieder von zwei Ereignissen, bei denen ein Schutzengel die Hand über mich gehalten hat. Als ich zwei Jahre alt war, haben wir auf der Straße eine schwarze Katze getroffen. Ich wollte sie streicheln, aber so ein kleines Kind weiß sich nicht richtig einzuschätzen und anstelle eines sanften Kraulens schlug ich der armen Katze unvermittelt auf ihr Näschen. Die machte dankenswerterweise nur einen Satz nach oben, miaute kläglich und verschwand. Hätte sie sich gewehrt und wäre mir einmal mit den Krallen über das Gesicht gefahren – wozu sie ja, ganz ehrlich, auch allen Grund gehabt hätte – dann hätte ich gut und gerne ein Auge verlieren können. Wie wäre dann mein Leben verlaufen?

Beim zweiten Ereignis war ich ungefähr fünf. Wir sind mit dem Auto irgendwohin gefahren und ich war wegen irgendetwas verärgert. Kaum hielt der Wagen, hab ich mich abgeschnallt, die Tür geöffnet und bin einfach weggelaufen, hinaus auf die Straße, ohne nach rechts und links zu schauen. Mein Papa kreidebleich hinterher, zum Glück kam gerade kein Auto vorbei. Ich hätte schlimm verunglücken können. Wie wäre dann mein Leben verlaufen? Wenn wir jung sind und verletzlich hängt unser Leben und unsere Gesundheit oft an einem seidenen Faden.

In der Grundschule war ich gut und hab es auf das Gymnasium geschafft. Ich war ein eher schüchternes Kind, aber ich war total von mir überzeugt. Dieses Selbstvertrauen in meine geistigen Fähigkeiten verdanke ich einem Mißverständnis: Im ersten Zeugnis stand drin, meine Beiträge würden meine Mitschüler akustisch oft nicht erreichen. Ich fragte meine Oma, was das heißt und sie erläuterte: „Die haben dich nicht verstanden.“. Ich dachte daraufhin, dass meine Mitschüler mir geistig nicht folgen konnten, weil meine Beiträge so unglaublich über ihrem Niveau lägen. Man, was war ich stolz auf mich. Jedem, der es hören wollte, erzählte ich, dass meine Mitschüler mich akustisch nicht verständen. Diese Überzeugung, schlau zu sein, hat mich auf das Gymnasium und in die Mittelstufe getragen. Wäre ich davon nicht so überzeugt gewesen, hätte ich mich dann entmutigen lassen und wäre nicht aufs Gymnasium gekommen?

Das sind nur einige der Momente, die mein Leben hätten verändern können. Sie sind für sich klein und unscheinbar gewesen, und doch steckte in ihnen die Kraft, neue Welten zu formen und Leben zu verändern.


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Dieser Text ist im Rahmen des #WritingFriday entstanden. Elizzy von Readbooksandfallinlove hat ihn ins Leben gerufen, um das kreative Schreiben zu fördern. Jeden Monat gibt es verschiedene Themen, aus denen man wählen kann. Und dann - nichts wie ran an die Stifte oder die Tastatur. Ich werde versuchen, oft mitzumachen und mich einfach im Schreiben zu üben. Ich bin schon gespannt, wie euch meine literarischen Gehversuche gefallen. Konstruktive Kritik wird genauso wie Lob gerne angenommen.

Kommentare:

  1. Liebe Daniela,

    das ist ein sehr persönlicher und sehr interessanter Beitrag! Danke, dass du uns daran teilhaben lässt.

    Ich kann mir das mit den Parallelwelten sehr gut vorstellen. Auch diese Momente, in denen was entscheidendes passiert und wie die Nannosekunden ticken, ganz in Zeitlupe, und darauf gewartet wird, was passiert und welche Welt nach vorne zieht....

    Ich hatte auch zwei solcher einschneidenden Ereignisse, an die ich mich sehr gut erinnern kann, obwohl ich noch recht klein war. Zweimal stand mein Leben auf der Kippe.
    Einmal war ich das Gepäck in einem Koffer. Meine Großcousine hatte ihn zugemacht, da sie mit mir "verreisen" gespielt hat. Irgendwann wurde sie gerufen, musste was erledigen und hatte mich vergessen. Gott sei Dank ist es dann doch noch rechtzeitig aufgefallen, dass ich gefehlt habe und man hatte mich gesund gerettet.
    Ein anderes Mal, ebeso eine Begebenheit mit der gleichen Großcousine, war ich mit ihr und ihren Freunden in einem Boot. Irgendwie bin ich aus dem Boot gefallen, konnte aber nicht schwimmen. Ein Freund hat mich dann wieder rechtzeigig gerettet. (Mit dieser Großcousine habe ich heute keinen Kontakt mehr. Vielleicht besser so. ;-))

    Die Sache mit deinem Schulzeugnis hat mir sehr zum Schmunzeln gebracht! Wozu Versprecher oder solche Missverständnisse alles gut sein können! Toll! Ich bin froh, dass deine Oma es dir nicht besser erklärt hat. :-)

    GlG und ein schönes Wochenende,
    wünscht dir das monerl

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    1. Hallo Monerl,
      das waren aber auch zwei sehr knappe Ereignisse. Und beidesmal mit der Großcousine, seltsam ist das manchmal.
      Das mit der Zeitlupe kenn ich auch. Bei einer Bühnenprobe hab ich mich in die Couch (drei miteinander verbundene Stühle) geworfen und bin mitsamt der Couch rückwärts von der Bühne gesegelt. In Zeitlupe. Das war erschreckend, aber irgendwie auch faszinierend.
      LG - Daniela

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  2. Huhu Daniela!
    Ich sagte ja, ich komm direkt mal vorbei :) Einen tollen Text hast du da geschrieben, sehr persönlich auf jeden Fall. Die arme Katze, ich musste unweigerlich das Gesicht verziehen. Aber als Kind kann man sowas meistens wirklich noch nicht einschätzen.
    Wenn du dich mit dem Thema Parallelleben etwas weiter auseinandersetzen magst, hätte ich einen kleinen Buchtipp! "Die Unvollendete" von Kate Atkinson testet, wie ein Leben funktioniert, wenn es immer und immer wieder neu beginnt. Ich liebe dieses Buch, vielleicht ist es ja auch etwas für dich.

    Liebe Grüße!
    Gabriela vom Buchperlenblog

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    1. Hi Gabriela,
      erstmal vielen Dank für den Buchtipp!
      Ja, die Katze tut mir jetzt auch Leid, aber kleine Kinder sind oft sehr rabiat, weshalb man sie ja nie mit Tieren allein lassen sollte. Nur manchmal kann man so schnell gar nicht reagieren.
      Liebe Grüße - Daniela

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  3. Liebe Daniela,

    die Aktion liebe ich jetzt schon. Was für ein toller, persönlicher Text. Danke!

    Ich liebe diesen Gedanken, dass ein Schritt neben meinem Leben, ein ganz anderes Leben liegt. Und ich glaube, es sind die kleinen Sachen, die uns prägen, wie dieses Missverständnis aus Deinem Zeugnis. Ich habe als kleines Kind übrigens mal von einer Katze eine böse gewischt bekommen. Ich fand Katzen zwar weiterhin toll, aber habe doch immer Abstand gehalten. Vielleicht hätte ich mir sonst als Kind eine Katze statt einem Hund gewünscht.
    Wie ich wohl aufgewachsen wäre, wenn es keinen Krieg gegeben hätte, wenn meine Großeltern nicht geflüchtet wären, finde ich auch spannend. (OK, ich gebe zu, der Denkfehler besteht darin, dass ich davon ausgehe, es gäbe mich trotzdem.^^)
    Die Geschichte mit dem akkustisch liebe ich. ♥

    Ich werd mal überlegen, ob ich mitmache. Ich habe nur im Moment eigentlich so viel zu schreiben für den Blog....

    Herzlich
    Petrissa

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    1. Hi Petrissa,
      die Aktion find ich auch super. Zum einen, dass man selber "gezwungen" wird, kreativ zu schreiben und zum anderen, dass man bei anderen lesen kann, wie sie diese Aufgabe umgesetzt haben. Fänd ich toll, wenn du mitmachst. Demnächst müssten die Februarthemen verkündet werden.
      Ich glaub auch, dass es die kleinen Dinge sind, die prägen. Hast du Geschwister? Manchmal denkt man, man wäre wo völlig anders aufgewachsen wie sein Geschwister, hat die Dinge anders wahrgenommen, erinnert sich an unterschiedliches, bewertet anders. Und hat doch eine enge Verbindung.
      Liebe Grüße - Daniela

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    2. Hallo Daniela,

      mir gefällt besonders das persönliche an der Aufgabe. So dass man den anderen doch etwas besser kennen lernt.

      Ich habe nur eine Halbschwester, mit der ich aber nicht zusammen aufgewachsen bin. Aber wir sind auch grundverschieden, wie Tag und Nacht.
      Ja, wenn ich manchmal die Kinder meiner Freunde sehe, finde ich es sehr faszinierend, wie unterschiedliche sie sind. Sehr spannend auch die Frage, wie viel ist Erziehung und wie viel Charakter.

      Liebe Grüße
      Petrissa

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  4. Guten Morgen, liebe Daniela!
    Dein Text ist super! :) Schmunzeln musste ich vor allem bei der Sache mit dem "akkustisch nicht verstanden" - ist es nicht schön, dass du aus einer Kritik unwissentlich etwas gemacht hast, das dich zu 'Größerem' angetrieben hat? Grandios :D
    Ich habe mal einen Text von Bill Bryson gelesen, der genau dieser Sache nachgeht: was für ein Wunder es ist, dass jeder einzelne von uns existiert. Weil es bedeutet, dass unsere Vorfahren stark und gesund genug waren, um sich bis zu einem selbst fortzupflanzen - wäre nur einer dieser Menschen vorher verunglückt oder selbst gar nicht geboren worden, zack! Gäbe es uns gar nicht. Also, wenn man mal drüber nachdenkt... sind wir ein Wunder. :)
    Liebste Grüße,
    Ida

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    1. Hallo Ida,
      vielen Dank für das Lob.
      Ja, dieses Mißverständnis hat es in sich. Vielleicht wollte ich es ja auch mißverstehen :D. In der Mittelstufe war ich ziemlich ernüchtert, als mir mein Mißverständnis klar wurde. Aber da hatte ich genügend Selbstvertrauen getankt, dass es mir egal war :D.
      LG - Daniela

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