Freitag, 11. Mai 2018

[#WritingFriday] Meister Tzang und die Ehrlichkeit

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Meister Tzang und die Ehrlichkeit


Schreibaufgabe: Schreibe einen Aufsatz über die Erfindung des Telefons, lüg dabei und lass deine Fantasie spielen!



Auf dem Weg zur Geschichtsunterweisung bei Meister Tzang hatten Oli und Janos, die kleine Tiprina im Schlepptau, wie immer getrödelt. Oder, wie die beiden, das sahen, waren plötzlich auf wichtige Aufgabe gestoßen, die sie dann auch gleich und ohne Verzögerung erledigten. Die große Zeder, an der die beiden vorbeikamen, Oli hatte beim Vorbeilaufen bemerkt, dass einer der großen Adler dort oben saß und bei ihrem Näherkommen wegflog. Die beiden Jungs hatten etwas genauer hingeschaut und meinten, einen Horst in den Wipfeln zu erkennen. Es war durchaus von wissenschaftlichem Interesse, die Plätze der Horste der großen Steinadler zu kennen, und die Forscher in der Siedlung sicherlich äußerst interessiert. Also war es doch nur logisch, ja, geradezu ihre Pflicht, sich die Sache genauer anzusehen.


"Das sind an die 30 Meter, ganz schön hoch", gab Janos zu bedenken, wie immer etwas zögerlich, die Sache erst durchdenken wollend, "aber die Äste stehen dicht, ich denke, man kommt gut hoch". Und er zeigte Oli, welche Route er als geeignet fand.
"Hilf mir, den untersten Ast zu erreichen, dann zieh ich dich hoch und wir klettern nach oben", sagte Oli, der von langen Plänen nicht viel hielt sondern die Dinge lieber gleich in die Hand nahm.
Ihre Taschen und Jacken ließen sie am Fuß des Baumes nieder und wiesen Tiprina streng an, sich auf die Jacken zu setzen, die Taschen zu bewachen und sich ansonsten nicht von der Stelle zu rühren.
"Als wenn sie ein Hund wäre", sagte Janos zu Oli und musste sich ein bisschen über sie selber amüsieren. Ein Glück war Tiprina in einem Alter, in dem sie zu den beiden größeren Jungen aufsah und ihnen das ruppige Verhalten nicht böse nahm.
Janos stellte sich breitbeinig mit dem Rücken an die Zeder und machte eine Räuberleiter für Oli. Der stieg mit dem Fuß hinein, stiess sich mit Schwung ab, erreichte mit den Händen den untersten Ast und zog sich nach oben. Dann streckte er Janos die Hände entgegen und half ihm, sich nach oben zu ziehen. Kaum waren beide auf dem untersten Ast, kletterte Oli schon los. Janos gab ihm einen kleinen Vorsprung und kletterte hinterher. Wie vorhergesehen war die Kletterroute recht kommod und gerade im oberen Bereich war es stellenweise mehr wie auf einer Leiter. Sie entdeckten nicht nur den Horst sondern auch interessante Ausblicke auf Teile der Siedlung wie das medizinische Forschungszentrum auf dem Hügel am Fluß. In Wipfelnähe schwankte der Baum im Wind, was die beiden Knaben auch sehr begeisterte. Das alles führte dazu, dass sie deutlich länger als vorgesehen im Baum blieben.
Als sie wieder am Waldboden ankamen, sammelten sie Tiprina ein, die zwar nicht auf der Jacke, aber dennoch in der Nähe geblieben war und begeistert ein Nest voller Kwappa-Käfer in einem morschen Baumstamm untersuchte. Die Zeit war knapp und sie merkten, dass sie sich sputen mussten. Kurzerhand nahm Oli Tiprina huckepack während Janos ihr gesamtes Gepäck an sich nahm und im Laufschritt eilten sie durch den Wald und schoßen an seinem Ende zwischen den Feldern hindurch auf Meister Tzangs Hütte zu. Tiprina sollte von hier aus zu ihrer Mutter gehen, sie kannte den Weg und lief von alleine los.

Die Jungs versuchten, ihren Atem unter Kontrolle zu kriegen und betont gelassen in die Hütte zu gehen. Der Rest ihrer Lerngruppe war schon anwesennd. Meister Tzang erwartete sie mit einem vorwurfsvollem Blick zur Uhr. Sie waren zwei Minuten zu spät gekommen.
"Entschuldigung, Meister Tzang, wir entschuldigen uns sehr."
"Warum seid es immer ihr, die auffällt?"
"Meister Tzang, da war dieses Steinadlernest -"
"Schweigt!" donnnerte Meister Tzang, und Oli und Janos schwiegen sofort. Meister Tzang war sehr streng und duldete keine Sperenzchen in seinen Unterweisungen. Dafür waren seine Eleven bei ihm aber besonders viel. Wenn Meister Tzang einen wissbegierigen Schüler vor sich hatte, stellte er alles andere zurück, und füllte den Wissensdurst des Eleven. Zudem konnten sich die Schüler immer darauf verlassen, dass er fair blieb..
"Pünktlichkeit, Gehorsamkeit und Pflichttreue sind Bürgerpflichten und stehen besonders den Heranwachsenden", zitierte Meister Tzang einen der großen stoischen Philosophen, sah die beiden Sünder noch einmal streng an und begann mit seiner Unterweisung.
Die Stunde verlief ruhig und konzentriert. Die Lerngruppe beschäftigte sich momentan mit der Geschichte der Technik und Meister Tzang erläuterte die sozialen Veränderungen, die sich aus der Anwendung neuer Techniken wie Dampfkraft oder Quantenfusion ergeben hatte. Zu Hause hatten sich die Schüler selbstständig über alte Formen der Kommunikation informieren sollen - diesen Stoff wollte Meister Tzang nun abfragen.
  “Janos, was war das Telefon?"
"Meister Tzang, es war ein Kommunikator, der aber nur Stimmen übermittelte. Also eine Art Videofon, nur ohne Sichtkontakt."
"Richtig. Inwiefern war das Telefon ein Vorteil zu dem vorherigen System, Tens?"
Tens war ein schlaksiges Mädchen, ungefähr sechs Jahre älter als Janos und Oli. "Meister Tzang, vorher konnte man sich nur schreiben und es gab immer eine Verzögerung. Mit dem Telefon aber konnte man miteinander sprechen, als würde man sich gegenübersitzen."
"Genau, es war eine Kommunikation in Echtzeit. Olivier, erzähl uns etwas darüber, wie das Telefon erfunden wurde."
Voll Schrecken merkte Oli, dass er sich an diese Passage des Lernstoffes nicht recht erinnern konnte. Sollte er es zugeben? Aber er war heute schon einmal unangenehm aufgefallen und es war sicherlich besser, nicht noch einmal negativ aufzufallen. Ein wenig erinnerte er sich, er wurde die Lücken einfach mit Logik schließen. So schwierig konnte das Thema ja nicht sein.
"Meister Tzang, das Telefon wurde erfunden, als man bemerkte, dass Kabel Stimmen leiteten. Der Erfinder -”, Oli moggelte sich um den Namen herum, “hatte ein langes Kabel, mit dem er eigentlich eine Wiese einfrieden wollte”,  - was sollte man auch sonst mit einem langen Kabel machen, so oder so ähnlich war es wohl - dachte Oli, und ignorierte Janos, der nachdenklich die Stirn runzelte. “Sein Helfer war an einem Ende der Wiese, er am anderen und sie wollten miteinander sprechen. Zunächst haben sie geschrieen, aber dann kamen sie zufällig darauf, in das Kabel zu sprechen und haben sich so bestens verstanden, über die Wiese.” Janos’ Stirnrunzeln wurde tiefer, aber Oli erwärmte sich für sein Thema. “Die Familie des Erfinders, seine Freunde, sie alle fanden die Entdeckung ganz wunderbar und der Erfinder erzählte der Regierung davon. Sie fanden die Entdeckung auch toll und finanzierten weitere Forschungen, um zu sehen, welches Metall das Kabel am besten haben sollte, den Durchmesser und so weiter und alles wurde verbessert. Und dann, dann verlegte man testweise ein Kabel."
"Wodurch?"
"Äh, durch einen Berg", improvisierte Oli wild drauflos, während Janos ihn entgeistert anstarrte. "Ja, durch einen Berg, denn es war ja ganz schön mühsam, immer über den Berg zu wandern, um Nachrichten zu überbringen, deshalb war das mit dem Kabel eine tolle Erleichterung."
"Wie lang war denn diese Teststrecke?"
"Die war zwei Kilometer", erinnerte sich Oli an diesen Part der Geschichte. Das Testkabel hatte über zwei Kilometer Stimmen geleitet, da war er sich ganz sicher.
"Die Ingenieure haben also ein Kabel testweise zwei Kilometer durch einen Berg getrieben, Olivier?"
Oli erkannte die Schwachstelle in seiner Geschichte und versuchte zurückzurudern. "So erinnere ich mich, Meister Tzang."

Meister Tzang sah ihn scharf und etwas enttäuscht an.
"Wenn du dich tatsächlich so an deinen Lernstoff erinnerst, solltest du dein Gedächtnis überprüfen lassen, denn deine Geschichte ist völliger Unsinn. In diesem Fall bist du entweder krank oder einfach nur dumm. Wenn du aber gewusst hast, dass du dich nicht richtig erinnerst und hast mir vorsätzlich Lügen erzählt, dann bist du auch dumm, wenn du denkst, dass ich es nicht merke, und zusätzlich ein Lügner." sagte Meister Tzang kalt.
Oli spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoß. Er wusste, dass Meister Tzang Recht hatte mit allem, was er sagte und kam sich klein, gedemütigt und ziemlich beschämt vor.
"Die Wahrheit, Olivier, ist eine unserer obersten Tugenden, ein unverbrüchlicher Wert, ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft. Lügen und Halbwahrheiten, Olivier, werden, ihrer Entwicklung gemäß, nur bei kleinen Kindern toleriert. In deinem Alter ist es nicht mehr akzeptabel. Ich erwarte von dir - von euch allen - dass ihr die Wahrheit sagt. Auch, wenn es für euch persönlich Nachteile bringt, vielleicht sogar Strafen." Etwas sanfter fuhr er fort: "Bedenke auch, Olivier, was ich dir auch sagen werden, du kannst immer sicher sein, dass es die Wahrheit ist. Ich werde dich nie anlügen. Du hast ein Recht auf die Wahrheit - aber ich habe genauso ein Recht darauf, von dir die Wahrheit zu hören. Nun - so erkläre dich."
Meister Tzangs Rede hatte Oli bewegt. Nun war er wohl ein ungestümes und impulsives Kind, aber mangelnden Mut oder Einsicht in die eigenen Fehler konnte man ihm nicht nachsagen. "Ich entschuldige mich zum zweiten Mal an diesem Tag, Meister Tzang. Ich hatte mich nicht mehr genau an die Erfindung des Telefons erinnert und beschloss, die Lücken durch Logik zu füllen. Das war ein Fehler, ich hätte es euch sagen sollen und die Konsequenzen tragen."
"Durch Logik füllen? Eher durch Fantasie." Meister Tzang schüttelte den Kopf und entließ den Rest durch Lerngruppe, bis auf Oli, der nun bei ihm eine Sonderlektion in "die Erfindung des Telefons" und "die stoischen Prinzipien der Ehrlichkeit und ihre Anwendung in der elfischen Gesellschaft" bekommen sollte. Auf ein Mittagsmahl könne er sicherlich verzichten, da stattdessen sein Kopf so exzellent gefüllt werden würde.
Oli war nicht gerade erfreut über diese Strafsitzung, egal, wie Meister Tzang sie betitelte. Andererseits respektierte er Meister Tzang sehr und war über seine Telefonlügengeschichte immer noch sehr beschämt. Oli wusste mit kindlichem Instinkt, dass Meister Tzang ihm Wohlwollen entgegenbrachte und ihm Gutes wollte. Also würde er diese Sonderlektion und das ausfallende Mittagsmahl mit Anstand tragen.
Janos konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er mit den anderen in Richtung Mittagsmahl ging und Oli, in sein Schicksal ergeben, zusammengesunken auf seinen Stuhl sitzen sah.

Zwei Stunden später entließ Meister Tzang Oli mit den Worten “Ich hoffe, du hast etwas gelernt”, und das hatte Oli. Das war das letztemal gewesen, dass er in seinem Leben die Unwahrheit sprach, um Konsequenzen für sich selber abzumildern.



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Diesmal hat mich die Schreibaufgabe eher zu einer ganzen Geschichte inspiriert, in der die Aufgabe selber nur einen kleinen Teil ausmacht

Über den #WritingFriday:  Elizzy von Readbooksandfallinlove hat ihn ins Leben gerufen, um das kreative Schreiben zu fördern. Jeden Monat gibt es verschiedene Themen, aus denen man wählen kann. Eine Geschichte, ein paar Zeilen, ein Gedicht, ausgedacht oder selbst erlebt -  alles ist möglich.

Die Themen für den Mai:

  • Fasse drei berühmte Bücher in je einem Satz zusammen.
  • Schreibe einen Aufsatz über die Erfindung des Telefons, lüg dabei und lass deine Fantasie spielen!
  • Schreibe das Ende einer Geschichte, ohne zu erzählen wie das ganze begonnen hat.
  • Dein Kühlschrank wird über dein Essverhalten interviewt. Schreibe das Interview auf.
  • Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Es begann damit, dass wir alles vertuschen mussten, denn niemand darf erfahren dass…“ beginnt.

Kommentare:

  1. Eine wirklich tolle Geschichte die eine mögliche Geschichte des Telefons gut beleuchet. Ein wenig hat mich die Geschichte an den Film Captain Fantastic erinnert, auch wenn ich nicht genau weiß warum.
    Hier kommst du zu meinem Beitrag

    LG Svenja von Bücherfieber

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    1. Hi Svenja,
      eine mögliche Parallele zu dem Film ist interessant. Ich hab ihn nie gesehen, hab mich jetzt grade bei Wikipedia informiert. Vielleicht liegt die Parallele in der Naturverbundenheit der Gesellschaft, in der Olivier lebt. Danke für den Hinweis auf den Film - der klingt wirklich interessant!

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  2. Hallo Daniela,

    haha, eine sehr coole Geschichte!

    Liebe Grüße
    Petrissa

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  3. Hey Daniela,

    die Aufgabe hast du super gelöst. Insbesondere dieser Teil, der sich um das Telefon dreht, ist dir gelungen. Doch der Einstieg in die Geschichte fiel mir recht schwer. Im ersten Abschnitt liest sich nicht alles so flüssig. Hab manchmal das Gefühl, als würden Wörter fehlen. Hihi

    Ich bin noch nicht sicher, ob ich mich an diese Aufgabenstellung wagen werde. Habe noch gar keine Idee dazu. Bin gespannt, was du als nächstes aussuchen wirst. :-)

    GlG vom monerl

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    1. Hi monerl,
      danke für die Rückmeldung. Ich kann den Kritikpunkt sehen, ein guter Hinweis.
      Ich glaub, ich hab gar keine Zeit mehr bis nächsten Freitag :(, mal sehen.
      LG,
      Daniela

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